Autoritäre Gehorsamsbereitschaft
CAMILLA HILDEBRANDT, 6. Februar 2026, 5 Kommentare, PDFEs begann früh. Schon zu Beginn der Corona-Krise wurden Kritiker der staatlichen Maßnahmen von Politikern, Medien und auch Vertretern der Psychoanalyse gleichgesetzt mit Anhängern von Verschwörungstheorien. Man unterstellte ihnen psychische Labilität und eine potenzielle Gefährdung Anderer. So schrieb der renommierte Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth 2020 über Maßnahmenkritiker: „Im Glaubenssystem der Verschwörungstheorie manifestiert sich ihr paranoid aufgeladener Weltbezug, der überall böse Verfolger wittert.“ Gleichzeitig unterstützten die meisten Berufsverbände von Beginn an die Corona-Politik und diskreditierten Kritiker.
Ein weiteres Beispiel dafür ist die Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation Cornelia Betsch. Sie leitete das sogenannte „COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO), eine Langzeitstudie zur Überwachung des Stimmungsbildes in der Bevölkerung, auf dessen Ergebnisse das Robert Koch-Institut und die Bundesregierung in der Corona-Zeit regelmäßig zurückgriffen. Betsch schlug im November 2021 vor, Ungeimpfte „mit einer Geldstrafe und einem Berufsverbot“ zu belegen. Einige Kollegen fordern deswegen heute eine Aufarbeitung. Denn wer aktuell etwa die Klimakrise in Frage stelle, werde mit ganz ähnlichen Diffamierungen konfrontiert wie während der Corona-Zeit.
Kastration des kritischen Geistes
Die Aufgabe der Helfer der Regierung sei es, „Überzeugungsarbeit“ zu leisten – also die Menschen dazu zu bringen, zu tun, was sie tun sollen. So beginnt der Text „Zwang zum Ja – Die Psychologie des Coronaregimes und die Rolle der Psychologen“, veröffentlicht 2022 von der Psychoanalytikerin Dr. Almuth Bruder-Bezzel. Die Zunft der Psychoanalytiker und Psychologen seien Teil einer Regierungsstrategie, um die Maßnahmen und das Corona-Impfprogramm durchzusetzen und Kritiker systematisch zum Schweigen zu bringen. Die 2025 verstorbene Bruder-Bezzel, eine der führenden deutschen Psychoanalytikerinnen der Individualpsychologie nach Alfred Adler und Mitbegründerin des Alfred-Adler-Instituts Berlin sah darin eine „Kastration des kritischen Geistes“.
Als sie begann, ihre Kritik an solcher Gehorsamsbereitschaft der eigenen Zunft laut auszusprechen, wurde sie von den Kollegen nicht unterstützt. Im Gegenteil, die übernahmen widerstandslos die Anweisungen zum Gehorsam, erzählt ihr Mann, der Psychoanalytiker Prof. Klaus-Jürgen Bruder. Er war damals 1. Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) und erlebte, dass die langjährige Kooperation der DGPT – des Berufsverbandes der Psychoanalytiker in Deutschland – mit der NGfP ausgesetzt wurde – wegen vermuteter Nähe zu Verschwörungstheoretikern. Die Kooperation sei bis heute nicht wieder aufgenommen worden, so Bruder.
Laut Bruder-Bezzel hätten für diese „Überzeugungsarbeit“ eine Fülle von Manipulationsinstrumenten zur Verfügung gestanden, die Psychoanalytiker genauso eingesetzt hätten wie andere gesellschaftliche Gruppen. Zum Beispiel der „Einsatz von Angst, Aggression, Moral“, die „Appelle an Solidarität, Gemeinschaft, kollektives Wir“, das „Aufstellen eines Feindes“ oder „Kontrolle des Verhaltens/Bewusstseins durch direkte Lenkung über Maßnahmen, Verbote, Gewalt und Sanktionen“. Sie kenne jedoch keine psychologische Analyse, schreibt Bruder-Bezzel, „die sich in (Selbst-) Analyse über ihre Vertrauensseligkeit, ihre autoritäre Gehorsamsbereitschaft Gedanken macht“. In nahezu allen Beiträgen aus dem psychoanalytischen Umkreis würden sich zwei Schwerpunkte zeigen: „Sie bieten kollektiv-Persönlichkeitsferndiagnosen der Corona-Kritiker, die mehr oder weniger identisch mit denen der Rechtspopulisten sind“, und Zentrum sei „der Vorwurf der Verschwörungstheorie, der auch stets in allen regierungsnahen Äußerungen zentraler Bestandteil ist.“
Der Arzt, Psychologe und ärztliche Psychotherapeut Prof. Christian Schubert aus Innsbruck sagt, gerade weil es das Grundziel der Psychoanalyse sei, den Menschen von seinen tiefliegenden emotionalen Konflikten zu befreien, um autonom durch die Welt zu gehen, sei es für ihn enttäuschend und erschütternd, dass besonders die Psychoanalytiker so versagt hätten. „Sie hätten diejenigen sein müssen, die aufschreien und hinterfragen, warum wir plötzlich so gegen unsere Mitbürger vorgehen. Warum werden die Querdenker so stigmatisiert und in die rechte Ecke gedrängt? Ich erwarte mir, Kraft ihrer Auseinandersetzung mit der Existenz, mit ihrer eigenen und mit der Fremdsituation, dass sie sich anders aufstellen als andere Menschen. Und das haben sie nicht getan.““
Es sei eine „hochgepeitschte Aggression“, eine „Kampagne gegen die Kritiker“ gewesen, so Almuth Bruder-Bezzel, „unter Beteiligung der nahezu gesamten Linken“. Diese Kampagne habe zur „Aufhebung jeglicher oppositioneller Politik“ geführt. „Wir erleben eine Kastration des kritischen Geistes, der Opposition, ja noch schlimmer: Diese Kastration haben diese an sich selbst durchgeführt – ein Selbstmordattentat.“
Schuldzuweisungen und das Feindbild „Verschwörungstheoretiker“
Der schon erwähnte Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, Gründer des Psychosozial-Verlags, äußerte sich bereits früh zu Corona-Kritikern. In seinem Spiegel-Artikel vom 23. März 2020 („Coronavirus: Warum verändern manche Menschen ihr Verhalten immer noch nicht?“) pathologisierte er insbesondere das Verhalten junger Menschen, die die Maßnahmen nicht einhielten. In seinem Artikel sprach Wirth von Abwehrmechanismen wie Verdrängung („Corona ist ja nur so eine Art Grippe“), Verleugnung und schließlich Abspaltung der realen Gefahr. Für die Existenz der realen Gefahr zog er die Bilder der Militärlastwagen in Bergamo heran, die später als „Foto-Legende“ enttarnt wurden. Wirth räumte zwar ein, dass junge Menschen nicht zur Hauptrisikogruppe gehörten, verknüpfte dies aber mit Appellen an Angst und moralische Verantwortung: „Sie machen sich nur einfach nicht bewusst, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Gefahr für ihr Leib und Leben, die relativ gering ist, und der großen Gefahr für das Gesundheitssystem, die von ihrem ungebremsten Alltagsverhalten ausgeht.“
Der Rechtspsychologe Roland Imhoff und die Sozialpsychologin Pia Lamberty – beide in den Medien als „Verschwörungstheorie-Experten“ präsentiert – kamen im Juli 2020 in einer Studie zu dem Schluss, dass Covid-Maßnahmenkritiker mit Anhängern von Verschwörungstheorien gleichzusetzen und potenziell gefährlich seien. Titel des Papiers: „Biowaffe oder Schwindel? Der Zusammenhang zwischen verschiedenen Verschwörungstheorien über den Ausbruch der Coronavirus-Krankheit (COVID-19) und dem Verhalten während der Pandemie“. Personen mit „verschwörungstheoretischer Weltsicht“ hielten die „Corona-Schutzmaßnahmen“ seltener ein, so die Studie. Doch nicht nur das: „Darüber hinaus verringert eine verschwörungstheoretisch geprägte Weltsicht nicht nur das Vertrauen in offizielle Versionen und die Einhaltung von Normen, sondern ist auch mit einer stärkeren Akzeptanz von Gewalt verbunden.“
Noch weiter ging Hans-Jürgen Wirth in einem weiteren Spiegel-Gastbeitrag vom September 2020 („Was Verschwörungsanhänger umtreibt“). Er vermutet dort bei Maßnahmen-Kritikern eine mögliche krankhafte Veranlagung. Menschen, die Verschwörungstheorien anhingen, verfügten „nur über eine eingeschränkte Fähigkeit, sich in die innere Welt anderer Menschen hineinzuversetzen“, so Wirth. Da sich der Verschwörungstheoretiker nicht einfühlen könne und wolle, habe er auch nicht die Möglichkeit, „im vertrauensvollen Gespräch mit seinen Mitmenschen seine eigenen Gefühle zu regulieren (…) und neue Einsichten über sich selbst und die soziale Welt zu gewinnen.“ „Verschwörungstheoretiker haben ein durch und durch pessimistisches und negatives Menschenbild“, schrieb Wirth. „Sie nehmen grundsätzlich an, dass die Menschen – insbesondere diejenigen, die erfolgreich sind oder über Macht, Einfluss und Geld verfügen – insgeheim Böses und Hinterhältiges im Schilde führen.“ Mit solchen Beiträgen wurde das von Bruder-Bezzel kritisierte „Feindbild Verschwörungstheoretiker“ früh von der großen Mehrheit der Berufsverbände zementiert.
Epistemisches Misstrauen
Zu einer ähnlichen Auffassung kam man im September 2020 auf der Online-Fachtagung „Psychoanalyse in Zeiten von Corona – Dynamik einer Bedrohung in Gesellschaft und Behandlungspraxis“, veranstaltet von der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse (DGPT). Der deutsch-schweizerische Psychiater und Psychoanalytiker Prof. Dr. Joachim Küchenhoff führte dort aus, dass einigen Kollegen einen starken Ärger gegenüber jüngeren Patienten verspürten, die die Ernsthaftigkeit der Pandemie leugneten oder bagatellisierten. Hinter solcher Leichtfertigkeit verberge sich „eine unbewusste Tötungsabsicht gegenüber der älteren Generation.“
Ähnlich äußerte sich Wirth in seinem Vortrag „Die Corona-Pandemie als Herausforderung für Psyche und Gesellschaft. Überlegungen aus Sicht der psychoanalytischen Sozialpsychologie“. Er führte das Konzept des „epistemischen Misstrauens“ an. Wirth wollte zwar keine pauschalen Kindheitstraumata unterstellen, betonte aber, dass sich eine „Grundhaltung des epistemischen Misstrauens auch noch im Erwachsenenalter herausbilden“ könne. Kritiker – ob Patienten oder Ärzte – wurden so als mitunter pathologisch misstrauisch und radikalisierungsgefährdet beschrieben.
Bruder-Bezzel schrieb daraufhin einen offenen Brief an Wirth und warf ihm eine „verabsolutierende Polarisierung“ zwischen Vertrauen und Misstrauen vor: „Menschen, die an einer politischen Handhabung Kritik üben, wird von Dir umfassendes Misstrauen unterstellt und derart diagnostizierte Menschen werden diffamiert und lächerlich gemacht“. Und weiter: „Sind Menschen, die einer anderen wissenschaftlichen Meinung als der der Regierung ‚vertrauen‘ alles chronisch Misstrauende?“
Mit der Task Force gegen das Misstrauen
2020 wurde auch eine „Task Force ‚Verschwörungstheorien‘“ ins Leben gerufen. Gründer: die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs). Einer der Köpfe war der schon erwähnte Roland Imhoff. Auf der Webseite der DGPs heißt es, dass die Akzeptanz und der Glaube an Verschwörungstheorien „ein Problem für demokratische Gesellschaften“ darstelle, da sie „das Vertrauen in demokratische Institutionen und Prozesse untergrabe (...) etwa dann, wenn Teile der deutschen Bevölkerung die Corona-Schutzmaßnahmen (…) für Instrumente eines gezielten Komplotts zum Errichten einer Diktatur halten.“
Imhoff brachte dazu später das Buch „Die Psychologie der Verschwörungstheorien“ heraus. Darin geht es auch um die Frage, ob und wie man gegen „Verschwörungsgläubige“ „vorgehen“ dürfe. Eine Intervention sei etwa dann geboten, wenn „Verschwörungstheorien gesundheitsgefährdendes Verhalten motivieren, demokratische Institutionen und Vermittlungsprozesse delegitimieren“. Ein „gesundheitsgefährdendes Verhalten“ ist laut Imhoff die Ablehnung der Impfung und der Maßnahmen der Regierung. Auch vertrat er die These, dass Verschwörungstheorie-Anhänger oft antisemitische Veranlagungen hätten.
Psychoanalytiker Volker B. hält dagegen. Für ihn sei es absolut unverständlich gewesen, „wie generalisierend auf einmal Kritik mit Antisemitismus gleichgesetzt wurde“, und das nur, weil Kollegen es so „im Fernsehen gesehen“ hatten. Je öfter er es mit unhinterfragten Überzeugungen und Aggression zu tun bekam, „desto mehr verfiel ich in ängstlichen Rückzug.“ Seinen Namen möchte der Psychoanalytiker aus Furcht vor Konsequenzen, auch heute noch, Jahre danach, nicht nennen. Klaus P., ehemaliger Vorsitzende eines Psychotherapeutischen Instituts, geht es ähnlich: „Die Dynamik solcher massiven Feinderklärungen hat während der Corona-Zeit viele zum Schweigen gebracht“.
Psychoanalytiker für die Impfung
Noch bevor es hieß, „Impfen ist der Weg raus der Pandemie“ (Jens Spahn), positionierten sich nahezu alle Psychologie- und Psychotherapeuten-Verbände im Juni 2020 zur Unterstützung „evidenzbasierter Maßnahmenkommunikation“ und boten der Politik ihre Expertise an: Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, die Bundespsychotherapeutenkammer, die Deutsche Gesellschaft für Psychologie und das Leibniz-Institut für Psychologie. In der Fortführung des vom Juni 2020 stammenden Konzeptpapiers, „Empfehlungen zur psychischen Bewältigung der COVID-19 Pandemie“, datiert vom März 2021, heißt es, man sei zu dem Schluss gekommen, dass „die zielgruppenadäquate und evidenzbasierte Impfkommunikation” einen großen Stellenwert einnehmen sollte, „um die Pandemie zu bekämpfen.“ „Presse und Medien sollten in der Pandemie eine entscheidende psychoedukative Funktion übernehmen, indem sie psychoedukative Expertise vermitteln“.
Nachdem im Dezember 2021 die einrichtungsbezogene Impfpflicht beschlossen wurde, schrieb die Diplom-Psychologin Isabell Vogel im Januar 2022 einen offenen Brief, unterzeichnet von rund 1100 Kollegen, und adressierte ihn an alle Kammern der Psychologen und Psychotherapeuten, an die Deutsche Presse-Agentur, den Deutschen Ethikrat, das Bundesgesundheitsministerium, den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung. Die Unterzeichner sprachen sich darin ausdrücklich „gegen eine Ausgrenzung, (…) Bestrafung und gegen Berufsausübungsverbote von Ungeimpften aus“. „KollegInnen verlassen mittlerweile das Land, gehen in vorzeitige Berentung, legen ihre Tätigkeit nieder, sind erschöpft und geängstigt im Krankenstand (…) und wir haben nicht nur PatientInnen, sondern auch KollegInnen infolge zunehmender gesellschaftlicher und kollegialer Ausgrenzung, Abwertung, Ängstigung und zunehmenden Druckes suizidal verloren, was uns fassungslos zurücklässt.“
Die Psychotherapeutenkammer NRW antwortete auf Vogels Brief und veröffentlichte das Statement auf ihrer Webseite. Darin heißt es, „wissenschaftlich, fachlich unseriöse Behauptungen“ würden „dem Ansehen der Profession schaden“. „Die Psychotherapeutenkammer NRW widerspricht ausdrücklich der Andeutung, dass es auch andere als wissenschaftlich begründete Fakten gibt. Es ist insofern keine Frage persönlicher ‚Meinungen‘, ob Impfmaßnahmen richtig oder falsch sind.“ Und weiter: „Die politische Dimension dieser Argumentation ist demokratiefeindlich und unser Gemeinwesen beschädigend."
Psychologin Cornelia Betsch: Pro Impfpflicht
Co-Autorin der „Empfehlungen zur psychischen Bewältigung der COVID-19 Pandemie“ war die Psychologin Cornelia Betsch, eine zentrale Person in der Corona-Zeit. Im November 2021 sprach sich das Wissenschaftlerteam um Betsch für eine Impfpflicht aus. „Menschen werden mit einer Impfpflicht nicht zu einer Impfung gezwungen. Stattdessen könnten analog zur Masernimpfpflicht ungeimpfte Personen mit einer Geldstrafe und einem Berufsverbot belegt werden: sie dürften keiner beruflichen Tätigkeit mit körperlichem Kontakt mehr nachgehen. “Auf die schriftliche Anfrage, ob sie aktuell, 2026, zu dieser Aussage noch stehe, vor allem als aktuelles Mitglied des Deutschen Ethikrats, hat Betsch nicht geantwortet.
Die Gesellschaft für Psychologie (DGPs) zeichnete sie 2021 mit dem Deutschen Psychologie-Preis aus. Bei der Verleihung erklärte Betsch: „Das Verständnis unseres Verhaltens ist der wichtigste Anfang, um Verhalten zu verändern und durch politische Rahmenbedingungen eine nachhaltige und gesunde Zukunft zu ermöglichen. (…) Als nächstes nehmen wir die Klimakrise in den Blick (…)“. Betsch arbeitete außerdem, zusammen mit dem epidemiologischen Modellierer Prof. Dirk Brockmann an der im November 2021 veröffentlichten Studie „Germany’s current COVID-19 crisis is mainly driven by the unvaccinated“ („Die aktuelle COVID-19-Krise in Deutschland wird hauptsächlich durch die Ungeimpften verursacht“). Auf die Frage, ob sie nach wie vor davon überzeugt sei und nachweisen könne, dass dem so war, antwortete Betsch ebenfalls nicht.
Impfskeptiker: paranoid
Im Dezember 2020 veröffentlichte Hans-Jürgen Wirth einen weiteren Gastbeitrag im Spiegel unter dem Titel „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“. Kritik an der neuen COVID-Impfung übte er keine. Stattdessen schlug er noch schärfere Töne gegenüber Maßnahmen- und Impfkritikern an. Es wäre „fatal“, wenn ihr Misstrauen zu einer „generellen Ablehnung der Corona-Maßnahmen“ führen würde – „insbesondere der Impfkampagne“. Skepsis gegenüber „unbeabsichtigten Nebenwirkungen der Hochtechnologie-Medizin“ sei zwar nachvollziehbar, doch Impfen sei eine Maßnahme, „die man als Segen bezeichnen muss“. Impfstoffe hätten die Menschheit von Seuchen befreit, und „schon diese kollektive historische Erfahrung“ sei hinreichend, „jetzt auf die weltweiten Corona-Impfungen zu vertrauen“. Vertrauen statt in Frage stellen, so Wirth.
Auf die Frage, auf welcher empirischen Basis Wirth damals Kritiker mit Verschwörungstheoretikern gleichsetzte und eine krankhafte Veranlagung vermutete, antwortete der Psychoanalytiker heute, im Jahr 2026, nicht.
Bis heute keine offene Diskussion möglich
Die Meinung der Berufskammern zur Corona-Politik und Impfstrategie anzuzweifeln „galt und gilt bis heute als nicht wissenschaftlich", so Psychoanalytiker Volker P. „Aber für die Selbstgerechtigkeit, mit der die Diskurshoheit von Kammer-, Verbands- und Institutskollegen bestimmt wurde, besteht noch immer wenig Problembewusstsein.“ „Man unterstellte uns Narzissmus, Selbstüberschätzung, mangelnde Akzeptanz der Autoritäten und epistemisches Misstrauen“, so Klaus P. „Wir wurden als rechtsoffen, unsolidarisch und psychopathologisch auffällig bezeichnet“.
Der Psychoneuroimmunologe Christian Schubert erzählt, dass ihm der Praxisraum, in dem er Privatpatienten empfing, nach seiner Rede auf einer Corona-Demonstration im Januar 2022 gekündigt wurde. „Man wollte mit den Rechtsextremen nichts zu tun haben und fürchtete einen Reputationsverlust.“ Sigmund Freud hätte sich im Grab umgedreht, schreibt Schubert in seinem Text „Es tönt rechts … Wie ich als kritischer Wissenschaftler diffamiert wurde“. „Hatte ich in meiner Rede doch auf die Vernachlässigung bewusster und unbewusster psychischer Prozesse bei den Maßnahmen hingewiesen, ein Mangel, der immense gesundheitliche Kollateralschäden in der Bevölkerung zur Folge hat und haben wird.“ Aber all das interessiere offenbar seine psychoanalytischen Kollegen nicht, so Schubert.
Dr. Almuth Bruder-Bezzel ist im November 2025 im Alter von 81 Jahren verstorben. Die Diagnose lautete „kleinzelliges Lungenkarzinom“. Auf der Beerdigung sagte ihr Mann Prof. Bruder, sie sei Opfer einer Politik gewesen, die über Menschen hinweggeht, „Opfer der Niederlage der oppositionellen Bewegung, der Zerstörung der Hoffnung auf ein anderes Leben, ein Leben in Freiheit und selbstbestimmt, ein menschliches Leben.“
Aufarbeitung?
„Unser Berufszweig ist heute stark ideologisiert“, sagt Psychoanalytiker Volker P. Der Diskurs drehe sich vor allem um Klimaschutz, Abgrenzung nach rechts und Warnungen vor einer Gefährdung der Demokratie. In der therapeutischen Arbeit mit Patienten sei etwas verloren gegangen: „Unsere Aufgabe ist es, frei von Moral und Erziehung zu arbeiten“, betont er. Stattdessen berichten viele Patienten von traumatischen Erfahrungen durch Demütigung und Bedrohung seitens Ärzten oder Kliniken, wenn sie Corona-Vorgaben nicht einhalten konnten oder wollten. Neben der Aufarbeitung massiver Impfschäden sei daher ein offener Austausch dringend nötig: „Wir müssen darüber sprechen, wie weit wir aus Angst heraus bereit waren, den geforderten Gehorsam mitzuerzwingen.“
Bleibe die Corona-Zeit unaufgearbeitet und der Austausch unter Psychoanalytikern weiter begrenzt, werde sich derselbe Prozess bei anderen Themen – etwa beim Klimawandel – wiederholen: keine offene Debatte, sondern massive Moralisierung bis hin zum Gehorsam.
Nur wenige Psychoanalytiker kritisieren Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit, NATO-Unterstützung, Ukraine-Krieg und Gaza-Konflikt, so die Psychoanalytikerin Dr. Ingrid Pfanzelt. Es sei aktuell die Tendenz zu beobachten, dass in Fachtagungen und Fachartikeln zunehmend das Regierungsnarrativ – militärische Solidarität als Demokratie-Schutz – übernommen wird. „Unserem ureigenen Anspruch, das Individuum zu emanzipieren, werden wir aktuell nicht gerecht“, sagt Pfanzelt. Die einseitige Analyse setze sich fort, Neutralität gehe verloren. Ein erschreckender Zustand, so die Psychoanalytikerin.
Über die Autorin: Camilla Hildebrandt ist studierte Romanistin, (Schwerpunkt Lateinamerika), Politikwissenschaftlerin und ausgebildete Radiojournalistin. Sie arbeitet seit rund zwanzig Jahren für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, vorwiegend im Kulturbereich. Von 2013 bis 2020 war sie als Journalismus-Dozentin für die DW Akademie u.a. in Kuwait, Bolivien, Guatemala, Brasilien, Libanon und Palästina tätig. Seit 2020 berichtet sie über aktuelle Politik. 2025 hat sie mit Kollegen Connections.news gegründet.
Titelfoto: Cornelia Betsch 2022 vor der Bundespressekonferenz | Bild: picture alliance / SZ Photo / Metodi Popow
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