Das große Gähnen im Hohen Haus
WOLF REISER, 10. April 2026, 1 Kommentar, PDFNein, es gab am 26. März 26 keine Schweigeminute für Alexander Kluge. Dabei wird nirgendwo in Deutschland mehr gelesen als in diesem lichtdurchfluteten Plenum des Deutschen Bundestags. Besonders intensiv erfolgt die kollektive Lektüre, wenn sich ein Redner aus der Opposition um Gehör bemüht und mit geballter Faust und feurigem Blick die „lieben Kollegen“ auf der Regierungsbank herausfordert. Kaum hat aber, beispielsweise Frau Weidel, die Begrüßungsfloskeln ausgesprochen, beugen sich die eher altmodischen Minister wie Reiche oder Pistorius über einen der aufgeklappten Leitzordner und setzen dort mit einem Rotstift oder Radiergummi an. Auch über ein dampfendes Reisebügeleisen würde man sich kaum noch wundern.
Die allermeisten Politiker haben natürlich schicke Smartphones und Tablets vorzuweisen. Ob es um Trilliarden Sondervermögen, Rente, Bildung oder den Ausbruch des Dritten Weltkriegs geht, ist eigentlich von geringem Belang. Die erfahrenen Politiker kennen ihre Funktion als teure Bestätigung längst getroffener Vorauswahlen. Und so wird im großen Saal der Debatte aufs Gadget gestarrt, studiert, gescrollt, getippt, gewartet, gegrinst und auch viel gegähnt. Keiner lässt sich hier von linken oder rechten Extremisten so einfach aus der Ruhe bringen und alle gefallen sich enorm in diesem Habitus der demonstrativen Verachtung.
Ist dann der Traffic erledigt oder der Akku leer, räkeln sich die Volksvertreter, kratzen sich irgendwo, wecken den Sitznachbar auf, winken jemandem konspirativ zu oder steuern auf dem Weg zur Cafeteria einen Hinterbänkler an. Beim Getuschel halten sich beide die Hand vor den Mund, wie Kimmich vor einer neuen Freistoßvariante. Zurück am Platz werden wieder die Mails gecheckt, die Liveticker eingesehen und der virtuelle Papierkorb geleert. Ohne den Blick vom Display abzuwenden, nimmt man manchmal ein reflexartiges Pochen wahr, ein angedeutetes Klatschen oder ein instinktiv dem Geräuschpegel folgender Aufschrei. Zuhören unter Kollegen – das geht ja gar nicht. Gerade die Regierungsbank erinnert an solchen Sitzungstagen an weihnachtliche TV-Spendengalas, bei denen Promis anrufende Zuschauer abkassieren.
Es ist nicht frei von Ironie, dass ausgerechnet diese 630 Auserwählten demnächst über eine Art Gesetz zur Altersbeschränkung bei jungen Leuten befinden sollen, so in Sachen Verbot von Internet, Handynutzung, Mobbing und – als letzter Schrei im Wanderzirkus – der Staatsnotstand durch Deepfakes.
Gemaule wie in Neuköllner Kiezschule
Im November 2017 hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die Abgeordneten brieflich angemahnt, die Nutzung dieser Geräte während der Redebeiträge einzustellen und auch von Twittern und Fotografieren abzusehen. Das Gemaule damals erinnerte an eine Neuköllner Kiezschule; man würde doch nur recherchieren, was man bei den Reden nicht verstanden habe; man würde doch nur Studien und Diagramme zum Sitzungsthema herunterladen und zudem sei man alt genug, um die Risiken der Strahlung einzuschätzen.
Die aktuelle Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat bei dem für deutsche Politiker offenbar obligaten Antrittsbesuch in Kiew fröhliche Charmen versprüht. Seit einem Jahr schon eröffnet die „Monroe aus der Pfalz“ pünktlich um 9 Uhr die Plenarsitzungen, mal in bordeauxrot oder taubenblau und dann wieder pistaziengrün nebst funkelnden Ohrringen und schwammähnlichen Broschen. Die gesichert katholische Ex-Young-Leaderin dient nach Homepage-Selbstauskunft dem Mantra der Neutralität.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner | Bild: picture alliance / Flashpic / Jens Krick
In diesem Sinn kassiert die AfD etwa 95 Prozent der Ordnungsrufe, der Rest ist den Linken vorbehalten. Streng geahndet werden Formulierungen wie „Altkartellparteien“, „Heuchler“ oder „grünroter Siff.“ Ganz oben auf ihrer Mängelliste steht allerdings der Vorwurf des Lügens. „Ich dulde es nicht“ so hört man sie schelten „dass sich Abgeordnete gegenseitig der Lüge bezichtigen! Wir haben uns darauf geeinigt, uns nicht gegenseitig als Lügner herabzuwürdigen!“ Derjenige, den man nicht als Lügner bezeichnen darf, hatte ja noch im November 2023 seinen Amtsvorgänger als „Klempner der Macht“ ausgeschildert, eine Zuschreibung, die ungerügt blieb. Während sich Scholz nicht mehr erinnern kann, verursachte Merzens Spruch beim deutschen Sanitärwesen nachhaltige Politikverdrossenheit.
Man sieht es Klöckner bei jeder Gelegenheit an, wie sehr sie die auf Krawall gebürstete AfD-Konkurrenz missbilligt, zum Teufel wünscht und auch ein wenig fürchtet. Dabei verrichtet die nur das Geschäft der vom System nun einmal ausdrücklich erwünschten Opposition. Es stößt den Regierungsparteien so gallig auf, weil es im von Kohl und Merkel sedierten Deutschland über viele Jahrzehnte keinerlei halbwegs eloquenten Gegenstimmen gab. Damit Frau Klöckner ihre innere Neutralität behält, straft sie die schlecht gecasteten Leute aus dem grünlinken Lager mit vergleichbarer Verachtung – Bunthaare, Nasenringe, Regenbogenrucksäcke, Che-Baskenmützen, Pali-Tücher, FCK-Buttons und randvoll gefüllte Babyschaukeln.
Zur Infantilisierung des Politischen trug sie allerdings auch selbst ein wenig bei, als sie ihren neuen Freund, einen beliebten TV-Quizleiter und Lotterieveranstalter etwas zu häufig in die erste Reihe bei staatlichen Feierlichkeiten vorlud. Dazu weiß Szene-Psychologe Gröbel: „Es gibt da nun mal eine gegenseitige Faszination von Macht und Ruhm.“ In dem Magazin „Meine Freizeit“ meldet sich nun auch noch die kommende Schwiegermutter zu Wort: „Julia ist eine zauberhafte Frau, hochintelligent und sehr bestimmt mit den Dingen, wie diese sich ändern müssen.“ Und ja, es muss sich einiges ändern, denn „der Ton, der sich heutzutage manchmal einschleicht, gehört sich überhaupt nicht.“ Tage später sah man einen nachdenklich wirkenden Pilawa als Talk-Gast bei Freundin Maischberger und erfuhr dort seine Sicht auf die Tücken der Rentenproblematik.
Tik-Talk-Reichstag bei Markus Lanz
Die Berlusconierung der deutschen Politik begann mit RTL im Jahre 1984 und führt seither über legendäre Infotainer wie Christiansen, Jauch, Will und Miosga direkt in den heißen Stuhlkreis von Markus Lanz. Der geschmeidige Südtiroler, beim dortigen Militär bereits als Funker tätig, ist inzwischen eine golemhafte Mischung aus Kanzler, Spiegel&Zeit&SZ-Chefredakteur, Militärberater, Migrationsexperte und Beauftragter für Kohlendioxide. Bei ihm – und vor allem in seinem Knopf im Ohr – laufen die zentralen Fäden Deutschlands zusammen, hier wird erklärt, verkündet, eingeweiht, verraten und verkauft. Im Gegensatz zum parlamentarischen Gewäsch fallen in Dr. Markus intimen Sprechzimmer jene Sätze, die wenig später die Titelseiten der Weltpresse zieren. In seinem die Jahrhunderte überdauernden Tik-Talk-Reichstag beginnen und enden Karrieren, Kriege und Zeitenwenden.
Aber zurück in den offiziellen Bundestag, wo ab Mitte Februar urplötzlich Druck unter der Kuppel war. Mein lieber Scholli, Kriege an der Ostfront und im Wüstensand, Mini-Nukes, zerfetzte Schulklassen, Zapfsäulenkrise, der Kampf um Öl, Gas, Wind und Sonne, zwei aus Sicht der Groko verhagelte Provinzwahlen, Migrantenmorde, ein das Private verlassender Pornoskandal, Epstein und die Münchener SPD, dazu noch der Ami, der Russe, der Ungar, der Türke und das ewige Tabu im deutschen Gewissenskeller. Bis Mitte Februar allerdings waren die Sitzungstage der Groko-Ära für die Menschen da draußen im Lande, vor dem Bildschirm oder im gemeinsamen Boot in etwa so erregend wie einer Schnecke beim Schlafen zuzuschauen.
„Leichenschauhaus der parlamentarischen Idee und nutzlosen Rede“
Vor zehn Jahren kam Roger Willemsens Buch „Das Hohe Haus“ auf den Markt. Er hatte zwischen den nahezu gleichlautenden 2012/2013-Sylvesteransprachen Frau Merkels über ein Jahr hinweg alle Debatten, Fragestunden und sonstige Versammlungen im „Leichenschauhaus der parlamentarischen Idee und nutzlosen Rede“ mitverfolgt und war am Ende komplett ermattet, angesichts der „virtuellen Zwecklosigkeit im interesselosen Raum.“ Ihn erinnerten die Impressionen aus dem Bundestag an die Bilder seiner Kindheit mit all „diesen Charaktermasken, Gretel, Polizist, Teufel, Hanswurst, Krokodil.“
Bei der Gedenkstunde für Rita Süssmuth erwähnte die Präsidentin ihre eher persönliche Symbolik hinter der royal-britischen Glaskunst: „Es lässt sich kaum mehr begreifen, aber in den Neunzigern war das eine hochumstrittene Frage, die Kuppel auf dem Dach des Reichstagsgebäudes. Heute ist die gläserne Kuppel, unter der wir hier zusammengekommen sind, ein Sinnbild für Transparenz, für Bürgernähe, für besondere Architektonik.“
Beim normalen Betrachter entsteht ein durchaus konträrer Eindruck. Er empfindet Land und Staat als Beute der Parteien. Er empfindet das wichtigtuerische Ringen um Standpunkte und Sichtweisen als reine Kulissenschiebereien für längst abgesegnete Beschlüsse, Vorhaben und prioritäre Lobbyprojekte. Er empfindet die meisten der Damen und Herren mit ihrem Unseredemokratie-Salat als narzisstisch gestörte Parteibuchkarrieristen. Er misstraut dieser vorhersehbaren Fraktionsautomatik, bei der es keinen Raum gibt für Improvisation, Einspruch oder Widerstand. Das Hohe Haus wirkt wie eine monumentale Mogelpackung und möglicherweise hatte das Christo auch im Schilde geführt, als er dieses Sinnbild der Transparenz im Sommer 1995 vollständig mit aluminiumbedampftem Polypropylengewebe versah.

Verhüllter Reichstag, 1995 | Bild: picture-alliance / dpa / Wolfgang Kumm
Ach Leute, früher war alles besser, hört man immer wieder von alten Haudegen. Sie deuten auf Strauß (Was passiert, wenn in der Sahara der Sozialismus eingeführt wird? Zehn Jahre überhaupt nichts, und dann wird der Sand knapp), auf Schmidt (Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen), Brandt (Zur Summe meines Lebens gehört im Übrigen, dass es Ausweglosigkeit nicht gibt) und natürlich auf Pöbel-Wehner (Hodentöter, Übelkrähe, blauweißes Arschloch). Schaut man sich heute die Best-Of-Youtube-Clips der Bonner Ära an, wähnt man sich tatsächlich in einem schwarzweißen „Rumble in the Jungle“ mit Spiegel-Affäre, Berufsverbot, Lockheed, Atomschmuggel, Misstrauensvoten, Pershings, CIA- und Stasi-Einmischung.
Ja, lieb Kinder da war viel mehr Lametta, plus Horaz und Perikles in Originalsprache im Wechsel mit gesalzenen Bierkutscherflüchen. Im Gegensatz zur aktuellen Politikergeneration kannten die eben – jeder auf seine Art – Krieg, Tod, Hunger, Exil und das Grauen. Sie mussten weder vom Blatt lesen noch ihre Vorträge auf die Sekunde genau der bemessenen Redezeit unterordnen. Sie standen, grob gesagt für so etwas wie Überzeugungen und humanistische Ideale und eine bessere Welt. In diesem Sinne erhoben sie ihre Stimme, wüteten und beschwörten ihr Publikum und verfertigten, ganz im Sinne Kleists, allmählich ihre Gedanken beim Reden.
Während einer Fragestunde zu militärischen Belangen wollte Ende Februar ein Schmuddelkind aus der AfD von Herrn Pistorius, dem beliebtesten Politiker seit dem Staufer-Friedrich wissen, wieso er mitten im ökonomischen Absturz für weitere 90 Milliarden an die Ukraine eintritt, wohl wissend, dass dieses Land die Nord Stream 2 mit zerstört hatte. „Weil dort unsere Freiheit verteidigt wird“, so seine Antwort in bester SPD-Hindukusch-Logik. Mächtiges Geschrei, Applaus und Gelächter ermunterten ihn zu einer Zusatznote: „Humor, Humor, ist eine Frage des Niveaus und Niveau ist bekanntlich keine Creme, aber lassen wir das.“
Witzigkeit kennt keine Grenzen und so spiegelt sich auch in den Gesichtern der beiwohnenden Schulenbesuchenden das pure Vergnügen. Man hat wohl ganze Klassen während einer Berlinreise für einen Tag auf die Tribünen verführt und ihnen zur Erhaltung der Konzentration auch gleich die Smartphones abgenommen.

Schülergruppe auf der Besuchertribüne des Bundestages während der Regierungserklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz am 18. März 2026 | Bild: Screenshot Phoenix Livestream
Sie erkennen Amthor, wie er feingeistig seine Hornbrillengläser anhaucht. Sie bestaunen die tropische Gesichtsbräune von Röttgen. Sie wundern sich über den abgehackten Vortragsstil des Kanzlers, der sie auch sonst an ein amateurhaftes KI-Fake erinnert. Sie halten sich die Ohren zu, wenn die Kreissägenfrequenzen von Hasselmann, Reichinek, Dröge oder Kaddor foltern. Bei Roth, Frohnmaier und Omnipour denken sie unbewusst an die sinnvolle Einführung der Zuckersteuer. Und da ist noch Frau Reiche, stets leicht überschminkt, die surrealen Strahleaugen in eine unendliche Weite gerichtet und sichtlich angewidert von den Niederungen dieses Hauses. Jetzt interveniert eine Frau Wissler von ganz links und beschimpft Reiche als Frau und Reiche als Gruppe, was ein Wortspiel ist und von den Parteigenossen gefeiert wird wie die erste Mainacht in Kreuzberg. Auch fällt auf, dass sehr viele Redner vorschlagen, gemeinsam Pakete zu schnüren, vielleicht mit Amazon zusammen oder doch wieder mit Christo, falls der noch lebt.
Sie fragen sich, warum die Redner einer oft als Nazis bezeichneten Partei meistens Zwischenfragen zulassen, während jene aller anderen Parteien dies mit großer Geste ablehnen, eben weil man nicht mit Nazis rede. Sie beobachten diesen von der Verfassung immungeschützten Spahn, wie er während der Vorträge durch die Reihen tänzelt, Küsschen links, Schwätzchen rechts und dann ab durch die Mitte. Ein feister Franke aus der CSU beendet seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass unser Deutschland nicht mit Nordkorea vergleichbar sei. Bei manchen der Gymnasiasten kommt der Gedanke auf, dass man die Asiaten diesbezüglich nur beglückwünschen kann. Der Besten in Deutsch fällt Schopenhauer ein: „Für den Fall meines Todes möchte ich folgendes Bekenntnis ablegen, nämlich dass ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwänglichen Dummheit verachte und mich schäme, ihr anzugehören.“
Parlament als totgerittener Gaul
Auch die aktuelle Regierung empfindet das Parlament nur noch als einen totgerittenen Gaul. Während des durchaus spannenden Sitzungstags des 24. März referierte ein narkotisiert wirkender Klingbeil bei der Bertelsmann-Stiftung über die Modernisierung Deutschlands. Seine Kollegen Dobrinth und Reiche hielten derweil ungerührt ihre Pressekonferenzen ab. Die als Hauptstadtjournalisten bezeichneten Fangruppen wussten gar nicht mehr wohin mit all dem Equipment und mancher fragte sich, wie man in diesem Chaos noch einen kühlen Kompass bewahren soll.
Derweil sorgte im Bundestag Herr Brandner für den gewohnten Tumult. Vom Naturell her zwischen Fidel Castro, Dieter Hildebrandt und John McEnroe angesiedelt versetzt er meist frei redend und die eine Hand in der Hosentasche die sonst so blutleere Volksversammlung in Höchststimmung, und vor allem die Frauenstimmen erinnern an das Beatles-Konzert damals im Circus Krone.
Im Verlauf der sozialliberalen Dekade gaben die Jusos und die Kumpels von der DKP die Watschenmänner ab. Unter Kohl machte man sich lustig über Kelly und Beuys. Im bleiernen Elend Merkels galt die geballte Wut der Unseredemokratie-Querfront den Lafontaines und Gysis. Wiewohl rhetorisch abendfüllend und argumentatorisch meistens im Recht, hatten die Flügel keine Chance gegen die träge, transatlantische Mitte und die sie flankierenden Springer&Bertelsmann-Oligarchen. Damals wie heute wird in unserem Reich der Banalität nach unten getreten. Opposition, das sind die anderen, der Abschaum, die Populisten, Terroristen, Israelhasser, Neofaschisten, Steigbügelhalter oder nützliche wie ersatzweise nutzlose Idioten. Seit 2015 füllt die AfD diese strukturell vorgesehene Lücke und die zerknirschte Mehrheit muss seither anerkennen, dass mit deren Spitzenleuten nicht gut Kirschen essen ist.
Fleischwolf der Machtteilhabe
Wenn man die Debatten der Kanzlerschaft Merz bisher verfolgt hat, kommt man aus vielen Gründen zu dem Schluss, dass im Hintergrund die Wachablösung längst beschlossen ist und es nur noch von den mündigen Wählern abhängt, wie die genaue Gewichtung innerhalb der schwarzblauen Koalition aussieht. Allerdings hat man es bei der SPD, den Grünen und Linken erlebt: Kaum fallen die Wutbürger in den Fleischwolf der Machtteilhabe, landen sie als streichfreundliche Pastete auf den Canapes beim nächsten amerikanischen Botschaftsempfang.
Drama und Dilemma der politischen Kultur im Hohen Haus entfalteten sich am 5. März des Jahres. Der AfD-Abgeordnete Götz Frömming forderte eine Sonderkommission zur Untersuchung deutscher Bezüge innerhalb des globalen Epstein-Netzwerks; auch um so ein „mögliches Erpressungspotential“ für Deutschland auszuschließen. Er schilderte ein globales, mörderisches und totalitäres System aus KI-Kraken, High-Tech-Plattformen, Industrien, Medien, Wissenschaften Kirchen, Regierungen und Parteien. Er stellte mehr oder weniger die Frage, ob man überhaupt noch von Demokratie, Wahlrecht, Verfassung und Grundgesetz reden kann.
Etwas konkreter erwähnte er die SPD-Achse München-Hamburg rund um das bajuwarische Wunderkind Philippa Sigl-Glöckler. Die junge Frau pflegte Kontakte zu Epstein und zu Tony Blair, erschien beim WEF, der Weltbank, Warburg und Wirecard. Als sehr gute Freundin des sehr unscheinbaren Kanzleramtsministers Wolfgang Schmidt (SPD) – auch ein gern gesehener Bilderbergteilnehmer – erlebte sie aus erster Hand die Koordinierung der deutschen Geheimdienste, die Geldflüsse im Finanzministerium und das Strippenziehen für die wenig später erfolgende Aushebelung der Schuldenbremse. Es sei, so Frömming, der Verdacht auszuräumen, ob sich Epstein über Jahre hinweg einer Agentin im Zentralnervensystem der Nation bedienen konnte.
Bei jedem klassischen Linken müssten hier die dylanschen Glocken der Freiheit klingen. Alerta! Bella Ciao! Auf zum letzten Gefecht, in Gottes Namen auch zusammen mit der AfD im Kampf gegen eine transnationale Superklasse, gegen erpressbare und pädophile Nadelstreifen, gegen Imperialismus, Kolonialismus, Banken, Unterdrückung, Frauenhaß und Ausbeutung.
Die Fahnen bleiben im Keller
Doch nichts tat sich, keiner biss an, die Fahnen blieben im Keller, die Sternstunde des Parlaments wurde abgesagt. Kaum hatten sich die Genossen Stegner und Fiedler auf die Knochen blamiert, eilte der dritte im Bund ans Pult: Helge Lindh, ausgerechnet Helge Lindh, der Amtsnachfolger von Johannes Kahrs mit den bis heute nicht umfänglich erklärten 200.000 Euro im Schließfach, die im Verlauf einer Cum-Ex-Razzia entdeckt wurden, rund um Scholz, Warburg, Wirecard. Er wusste nun Folgendes zu sagen:
„Der Skandal ist, dass es die AfD angesichts der Opfer sexualisierter Gewalt im Kontext Epstein und darüber hinaus wirklich immer noch wagt, opportunistisch und instrumentalistisch mit dem Thema umzugehen, und dass Sie, indem Sie die abstrusen Verweise auf Wirecard und auf die Aufweichung der Schuldenbremse machen, wissentlich antisemitisch geprägte historische Verschwörungsdiskurse bedienen – wissentlich. Sagen Sie nie mehr, dass Sie gegen Antisemitismus kämpfen. Was Sie machen, ist schändlich und inakzeptabel ... Sie reden von moralischem Verfall in abgeschotteten Zirkeln ... Das passt zu dem System; aber das passt leider auch sehr gut zu dem System AfD und Ihrer ganzen Vetternwirtschaft, den sonstigen Affären, Ihrem Machtmissbrauch und dem Missbrauch der Demokratie. Auch da sehe ich moralischen Verfall ...
Hinzu kommt auch, dass Sie, während Sie doch angeblich ernsthaft von nationalen Interessen und nationaler Sicherheitsgefährdung sprechen und andeuten wollen, dass es Erpressungsnetzwerke gegeben hat, gar nicht den Adressaten und die Quelle nennen: Russland. Interessant, dass Sie Russland nicht benennen. Mit Russland pflegen Sie ja immer einen schönen Umgang ... Und in Ihrem Antrag wird insinuiert, dass im Rahmen des Epstein-Netzwerkes Einfluss auf die Finanzwirtschaft, die Entwicklungen im Zusammenhang mit Wirecard und auch auf die Aufweichung der Schuldenbremse genommen worden sein könnte … Wenn Sie nicht ein Grundrecht auf Dummheit und Unwissen für sich in Anspruch nehmen wollen – und das können Sie nicht – dann müssen Sie um die Geschichte von Verschwörungstheorien in Deutschland und Europa und die antisemitische Prägung von auf Finanzen bezogene Verschwörungstheorien wissen. Und daraus lasse ich Sie nicht entweichen.

Helge Lindh | Bild: picture alliance/dpa / Michael Kappeler
Entweder Sie spielen darauf an, oder Sie sind komplett unwissend. Sie tun ja beides, komplette historische Unwissenheit und Missbrauch solcher Narrative. Sie spielen bewusst darauf an, rassistische Stereotype, Verschwörungsnetzwerk … ein Ausdruck von absoluter Unfähigkeit, logisch zu denken, oder von Boshaftigkeit und gezielter Täuschung. Reden wir künftig wieder über die Opfer sexualisierter Gewalt im Zusammenhang mit Epstein. Sie haben es verdient. Sie sind die Geschädigten, und für sie sind solche Debatten ein Schlag ins Gesicht ...“
1599 schrieb Shakespeare: „Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Männer und Frauen sind doch nur bloße Schauspieler, sie haben ihren Auftritt und sie haben ihren Abgang ...“ Die Väter der so gerne zitierten Athener Urdemokratie werden sich schon etwas dabei gedacht haben, als sie anstelle von Wahlen die Losziehung nutzten. Und so landet man unwillkürlich wieder bei Julia Klöckner. Schwamm drüber. Jemand sagte mal, dass man in der Demokratie alles sagen kann, weil sowieso niemand zuhört. Wenn man den Blick für längere Zeit auf und über dieses Plenum richtet, dann schwindet der Glaube an Selbstreinigung oder eine Einsicht in das Notwendige und Richtige. Es bedarf wohl einer echten Katharsis, damit Politik wieder Sinn und Richtung erlangt.
Über den Autor: Wolf Reiser, Jahrgang 1955, ist Reporter und Essayist. Er veröffentlichte Portraits, Kolumnen, Interviews, Short Stories und Reportagen unter anderem für Lettre, Du, Zeit, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Cicero, Playboy, Brandeins, Welt, Madame, Vogue und Rolling Stone. Reiser ist außerdem Autor von Drehbüchern, Hörspielen und Reisebänden. Sein Essay „Freiwild – über Zähmung, Verwahrlosung und Niedergang des Journalismus“ wurde 2015 für den Michael Althen-Preis nominiert. Erzählungen über Cohen auf Hydra, Jarrett in Köln, den Eros der Düfte und den Wahn des Ouzo finden sich in den vier Lettre-Ausgaben des Jahres 2025.
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