Der Aufstieg und Fall Joe Bidens oder: Wann Senilität zählt und wann nicht
STEFAN KORINTH, 29. Mai 2026, 2 Kommentare, PDFDer Auftritt war denkwürdig: Millionen Zuschauer erlebten beim Fernsehduell am 27. Juni 2024 live auf CNN einen US-Präsidenten, dem Worte nicht einfielen, der Sätze nicht zu Ende brachte, der Zahlen verwechselte und phasenweise teilnahmslos oder sogar völlig erstarrt wirkte. Ein Satz Bidens lautete beispielsweise:
„Wir wollen sicherstellen, dass wir jeden einzelnen Menschen für das qualifizieren können, womit ich mich befassen konnte ... das Covid ... Entschuldigung, mit allem, was wir zu tun haben ... sehen Sie ... wenn ... wir endlich Medicare besiegen.“
Nicht nur wurde den US-Zuschauern hierbei in großer Zahl ersichtlich, dass sie von einem Mann regiert werden, der mindestens an der Schwelle zur Senilität steht. Es war auch der Anfang vom schnellen Ende der Kandidatur Joe Bidens für eine zweite Amtszeit. Es trat nun unzweifelhaft an die Öffentlichkeit, was zuvor zwar von Biden-Gegnern thematisiert wurde („Sleepy Joe“) und auch dem inneren Kreis um Biden bekannt war: Der Präsident ist geistig nicht in der Lage, das Amt auszuüben. Jedoch hatten Verantwortliche und Unterstützer der Demokratischen Partei sowie etablierte US-Medien diese Einsicht zuvor jahrelang ignoriert oder bekämpft.
Selbst einige Person aus Bidens engstem Umfeld sollten bis zum Schluss glauben, dass es sich bei den zahlreichen Verhaltensauffälligkeiten des Präsidenten lediglich um Aussetzer handelte. Das erklärten die US-Journalisten Jake Tapper (CNN) und Alex Thompson (Axios) in ihrem Buch „Hybris – Verfall, Vertuschung und Joe Bidens verhängnisvolle Entscheidung“. Tapper, der auch die TV-Debatte zwischen Biden und Trump moderierte, sagt allerdings auch, das Phänomen sei von Bidens Stab versteckt worden. Dem Buch zufolge sollen Bidens Umfeld erste Anzeichen einer verschlechterten Verfassung des Politikers bereits 2015 nach dem Tod seines ältesten Sohnes Beau aufgefallen sein. Seitdem seien Bidens geistige Kräfte „versickert wie ein Eimer Wasser im Wüstensand“, sagte Tapper in einem Interview.
Schon im Wahlkampf 2020 gab es wegen Bidens vieler „Aussetzer“ umfassende Debatten über sein hohes Alter und seine geistige Fitness. Bei einer Wahlkampfveranstaltung im März 2020 verwechselte Biden seine neben ihm stehende Ehefrau mit seiner Schwester. Kurz zuvor war er bei einem Zitat aus der US-Unabhängigkeitserklärung am Wort „Gott“ gescheitert:
„Alle Männer und Frauen sind geschaffen, durch, na ja, Sie wissen schon, Sie wissen schon, was ich meine.“
Im Februar 2020 behauptete er, das Pariser Klimaschutzabkommen 2016 mit dem einstigen chinesischen Staatsführer Deng Xiaoping ausgehandelt zu haben, der bereits 1997 verstorben war. Im Oktober 2020 nannte er Donald Trump bei einer Veranstaltung zweimal einfach nur „George“. In seiner dann folgenden Amtszeit als US-Präsident leistete sich Biden beinahe täglich neue „Patzer“.
Wie konnte es soweit kommen, dass ein geistig stark abbauender Politiker selbst im Sommer 2024, mit 81 Jahren der älteste jemals für das höchste US-Amt angetretene Kandidat, noch der große Hoffnungsträger der Demokratischen Partei im Kampf gegen Donald Trump sein konnte?
Die Nominierung 2020
Biden hatte schon lange versucht, US-Präsident zu werden. Angetreten war er bereits 1988 und 2008. Im Jahr 2016 hatte der abtretende US-Präsident Barack Obama die geplante Kandidatur seines damaligen Vizepräsidenten Joe Biden nicht unterstützt, sondern sich stattdessen hinter seine ehemalige Außenministerin Hillary Clinton gestellt. Nachdem diese gegen Donald Trump verloren hatte, versammelte sich die Partei der Demokraten im Jahr 2020 hinter Biden. Man ging in der Parteispitze davon aus, dass nur Biden, der schon damals von seinem Team nach außen abgeschirmt wurde, Trump schlagen könne.
Jedoch musste dazu – wie bereits 2016 – erst mal Parteirivale Bernie Sanders politisch ausgeschaltet werden. Dieser verschrecke mit seinen „sozialistischen“ Ideen die großen Geldgeber der Demokratischen Partei, lautete eine Befürchtung des Partei-Establishments. Ihn auszuschalten, gelang schließlich durch die parteinterne Einflussnahme Barack Obamas: Der Ex-Präsident führte während der Vorwahlen Gespräche mit Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei, um eine Einigung gegen Sanders zu fördern. Daraufhin zogen innerhalb von 72 Stunden vor dem „Super Tuesday“ sechs von ihnen ihre Kandidatur zurück und stellten sich öffentlich hinter Biden. Ein Politico-Artikel über die Einflussnahme des Ex-Präsidenten auf den parteiinternen Willensbildungsbildungsprozess trug denn auch den Titel „Barack Obama gewinnt die Vorwahl der Demokraten“.
Auch die großen US-Medien hatten ihren Teil dazu beigetragen, Sanders zu verhindern. Der Senator aus Vermont erhielt nicht nur die geringste Berichterstattung sondern auch die negativste aller demokratischen Kandidaten, wie eine Analyse belegt. Bidens geistige „Aussetzer“ wurden von den Medien hingegen nicht thematisiert. Bereits auf den Videoaufnahmen für die Parteitage der Demokraten im Jahr 2020, die wegen der Corona-Maßnahmen online stattfanden, wirkte Biden gebrechlich und geistesabwesend. Tapper und Thompson schreiben: „Es war, als würde man einem Opa zusehen, der nicht Auto fahren sollte. Ein spezielles Team wurde hinzugezogen und beauftragt, die Videos so zu bearbeiten, dass sie ausgestrahlt werden konnten, wenn auch nur für ein paar Minuten.“
Bidens Amtszeit: „Legendäre“ Aussetzer und zerschlagenes Porzellan
Bidens internem Sieg über Sanders folgte sein in den USA äußerst umstrittener Wahlsieg gegen Donald Trump im November 2020. Das aufgeheizte politische Klima im Land – Stichworte wie „Russiagate“, „Sturm auf das Kapitol“ oder Corona mögen genügen – führten dazu, dass nahezu alle Trump-Gegner sich hinter Biden scharten und – wie manch einer später einräumte – über dessen geistigen Abbau hinwegsahen. Doch Bidens Fehltritte häuften sich in hoher Geschwindigkeit. Bereits im Jahr 2022 bezeichnete die Zeitung Welt Bidens Patzer als „legendär“.
Einzelne Versprecher fallen bei Personen der Öffentlichkeit, deren Aussagen ständig gefilmt werden, eher auf als bei Privatpersonen, darauf wies in diesem Zusammenhang beispielsweise Olaf Scholz hin. Doch bei Biden geschah das laut Tapper und Thompson nicht nur viel häufiger als bei anderen Politikern, es ging offensichtlich auch um deutlich mehr als um herkömmliche Zahlendreher oder Freud’sche Fehlleistungen. Der US-Präsident stürzte nicht nur mehrfach öffentlich; seine Körpersprache, sein verwirrter Blick und seine Bewegungen bei Auftritten erweckten sogar regelmäßig den Eindruck, als wisse er nicht mal, wo er sei. Er stammelte in seinen Reden immer wieder und verhaspelte sich in seinen Sätzen. Manche Aussagen glitten ins völlig Sinnlose oder offen Beleidigende ab. Auch hatte er wiederholt Probleme dabei, Verstorbene von noch lebenden Menschen zu unterscheiden.
Im Herbst 2023 fragte Biden bei einer Podiumsveranstaltung namentlich nach einer im Jahr zuvor ums Leben gekommenen Abgeordneten, deren Angehörigen er in einem langen Gespräch persönlich kondoliert hatte. Im Februar 2024 behauptete Biden, gerade eben bei einem internationalen Treffen mit François Mitterand gesprochen zu haben, der bereits seit 1996 tot ist. Kurz darauf sagte Biden, er habe beim G7-Gipfel in England 2021 mit Helmut Kohl geredet, obwohl er offenbar Angela Merkel meinte.
Im Dezember 2023 machte Biden sein Team stutzig, als ihm bei einer Besprechung der Name seines Mitarbeiters Mike Donilon nicht einfallen wollte, der bereits seit 1981 für ihn arbeitete, heißt es im Buch von Tapper und Thompson. Im Mai 2023 erklärte Biden öffentlich, seine Parteifreundin Nancy Pelosi habe die US-Wirtschaft während der Weltwirtschaftskrise (1929) gerettet. Im Juni 2023 meinte Biden, der russische Präsident Wladimir Putin verliere den „Krieg im Irak“. Im Juli 2024 stellte Biden den neben ihm stehenden ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski als „Präsident Putin“ vor.
Biden verwechselte Mexiko mit Ägypten, Deutschland mit Frankreich, New Hampshire mit Vermont, Kuwait mit Katar, die Hamas mit der Hisbollah, Indiens Hymne mit der US-Hymne, den D-Day mit Pearl Harbour und sogar Kamala Harris mit Donald Trump. Biden bezeichnete sich selbst in einem Radio-Interview als erste schwarze Frau an der Seite eines schwarzen Präsidenten. Den Sterbeort seines ältesten Sohnes Beau Biden verlegte der Präsident geistig von den USA in den Irak. Vom Teleprompter las er in Reden mehrfach laut Regieanweisungen vor („Wiederholen Sie die Zeile“). Zuletzt wusste er nicht mal mehr, in welchen Jahren er selbst Vizepräsident war und brachte sogar das Geschlecht seines Enkelkindes durcheinander. Die Listen und Video-Zusammenschnitte Bidens zahlreicher Fehltritte sind abendfüllend.
Können diese Vorfälle noch als lediglich unappetitlich oder gar lustig bezeichnet werden, wird es deutlich problematischer, wenn man Bidens Äußerungen auf diplomatischer Ebene hinzunimmt. So bezeichnete der US-Präsident seinen chinesischen Amtskollegen öffentlich als „Diktator“, seinen russischen Amtskollegen als „Killer“ und „Hurensohn“, in Warschau rief Biden zum sofortigen Sturz Putins auf und kündigte in Washington direkt neben dem deutschen Bundeskanzler stehend die Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines an. All dies geschah bei Reden und Pressekonferenzen durch offenbar spontane Eingebungen Bidens. In einem Beitrag der „Welt“ heißt es:
„Immer wieder muss das Weiße Haus deshalb das von Biden verbal zerdepperte Porzellan auffegen. Mitarbeitern steigt der Angstschweiß auf die Stirn, wenn der Präsident von Manuskript oder Teleprompter abweicht.”
Bidens Stab schirmte ihn deshalb immer mehr ab. Pressekonferenzen mit kritischem Fragestellern wurden „so gut wie abgeschafft“. Parteispendern durften bei Veranstaltungen nicht mehr mit dem Präsidenten reden, kritisierten Betroffene. Biden sei von seinem Team auf eine Weise „verwaltet“ worden, wie es Spendenorganisatoren „noch nie erlebt“ hätten. Biden selbst erklärte mehrfach, er bekomme „viel Ärger von seinem Stab“, wenn er spontan Fragen beantworte.
Bidens engste Mitarbeiter hätten seinen Verfall systematisch „vertuscht“, heißt es in Medienberichten heute. Sein Leibarzt Kevin O’Connor habe auf kognitive Tests verzichtet. „Bis zum letzten Tag seiner Präsidentschaft hätten sich Biden und seine engsten Vertrauten nicht eingestehen wollen, dass seine Energie, seine kognitiven Fähigkeiten und seine Kommunikationsfähigkeit erheblich nachgelassen hatten“, schreiben Tapper und Thompson. „Schlimmer noch, sie versuchten mit verschiedenen Mitteln, dies zu verbergen.“ So wollten Bidens Mitarbeiter den Präsidenten sogar nur noch im Rollstuhl umherfahren, damit er sich nicht mehr selbst orientieren muss. Letztlich entschieden sie sich aber dafür, dies aus Wahlkampfgründen erst nach einem etwaigen Sieg gegen Trump zu tun.
Fernsehduell unter erschwerten Bedingungen
Unter diesen Umständen kam es im Juni 2024 zum ersten von zwei geplanten TV-Duellen zwischen Trump und Biden. Medien merkten dabei an, dass einige Regeln neu und ungewöhnlich seien. Dazu gehörte, dass beide Kandidaten frei sprechen müssen, keine Spickzettel mit ans Rednerpult nehmen dürfen, lediglich Kugelschreiber und Notizblöcke gestellt bekommen. Darüber hinaus wurde ihnen der Kontakt zu ihren Wahlkampfteams auch während der beiden Werbeunterbrechungen verboten.
Ebenfalls angemerkt wurde der ungewöhnlich frühe Termin im Juni statt wie sonst im September oder Oktober. Sowohl Biden als auch Trump würden erst im Juli und August bei Nominierungsparteitagen zu den offiziellen Kandidaten ihrer Parteien gekürt. Biden-Kontrahenten vermuteten bereits damals, dass der frühe Termin für das erste Duell dazu diene, den Demokraten notfalls noch Zeit für die Nominierung eines Ersatzkandidaten zu geben. Tatsächlich hatte Joe Bidens Wahlkampfteam auf den frühen Zeitpunkt des TV-Duells bestanden – „um der Apathie der Wähler und den Bedenken über Bidens Alter zu begegnen“. Bei Tapper und Thompson heißt es, der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer, habe laut Anwesenden bei einer Hochzeitsfeier zwölf Tage vor der Fernsehdebatte gesagt, falls das TV-Duell eine Katastrophe werde, habe er gemeinsam mit den Parteiführungsfiguren Nancy Pelosi, Hakeem Jeffries und Barack Obama einen „Plan B“ vorbereitet. Schumer bestritt dies später.
Bis der amtierende Präsident, der im Vorwahlkampf diesmal keine ernstzunehmenden Gegenkandidaten hatte, das Handtuch warf, sollten nach dem TV-Duell noch einmal knapp vier Wochen vergehen. Erst am 21. Juli zog er sich offiziell aus dem Wahlkampf zurück. Als neue Kandidatin für das höchste Amt schlug Biden seine Stellvertreterin Kamala Harris vor, die er bei einer Rede kurz zuvor als „Vizepräsident Trump“ bezeichnet hatte. Nach einigen Überlegungen unterstützte er Harris auch offiziell. Die Clintons hatten ihre Unterstützung für die Vizepräsidentin hingegen sogleich öffentlich bekräftigt.
Geldgeber stellen sich gegen Biden
Biden hatte sich bis dahin jedoch stets geweigert, seine Kandidatur zurückzuziehen. Wie kam es zu dem Umschwung? In den Tagen nach dem TV-Duell berichteten Medien, dass Bidens Kandidatur nun starken Gegenwind durch namhafte Geldgeber der Demokratischen Partei erfahre. Viele von ihnen hatten sich nach dem Fernsehauftritt vom 81-Jährigen abgewandt. Beispielsweise Multimillionärin Abigail Disney: Sie wollte den Rückzug Joe Bidens durch einen Spendenboykott erzwingen. Weitere Großspender der Partei forderten offen den Rückzug Bidens. Dazu zählten der Immobilienmilliardär Rick Caruso, der frühere PayPal-Chef Bill Harris, der Hedgefonds-Manager Whitney Tilson und der milliardenschwere Netflix-Gründer Reed Hastings.
Der Milliardär und Großspender der Demokraten Ari Emanuel, dessen Bruder einst Stabschef Obamas war, erklärte öffentlich: „Das Lebenselixier einer Kampagne ist Geld, und vielleicht lässt sich das Problem nur lösen, wenn das Geld langsam knapp wird.“ Eine Reihe von Großspendern werde ihr Geld nun vom Präsidenten auf Kongress und Senat „verlagern“, drohte Emanuel. Medien sprachen davon, dass Geldgeber geplante Zahlungen an die Demokraten in Höhe von 90 Millionen US-Dollar zurückhalten, solange Biden seine Kandidatur aufrecht erhalte. Mächtige Wall-Street-Größen wie BlackRock-Chef Larry Fink, sein Lazard-Kollege Peter Orszag, Jon Gray von Blackstone und der frühere Finanzminister Robert Rubin sollen Gespräche darüber geführt haben, ob sie Biden fallen lassen oder nicht. Der Kryptomilliardär Mike Novogratz schrieb auf X: „Es ist an der Zeit die Gerontokratie zu beenden.“ Inzwischen war es also nicht mehr Bernie Sanders, der die Großspender verschreckte, sondern Joe Biden selbst.
Prominente fordern Bidens Rückzug
Auch viele Prominente meldeten sich nun zu Wort. Der Schauspieler George Clooney ist ein wichtiger und langjähriger Unterstützer der Demokraten. Bereits in früheren Wahlkämpfen hatte er mitgeholfen, Millionenbeträge für Kandidaten einzusammeln: 2012 fast 15 Millionen für Obama, 2016 war Clooney Mitorganisator von zwei Veranstaltungen für Hillary Clinton und 2020 unterstütze er ein Zoom-Fundraising für Biden, bei dem sieben Millionen Dollar zusammenkamen. Auf einer Spendengala am 15. Juni 2024, die sogar knapp 30 Millionen Dollar für die Demokraten einbrachte, erkannte Biden den Schauspieler nicht mal. Clooney sagte später, Biden sei zu diesem Zeitpunkt geistig nicht mehr der Biden von 2010 gewesen, noch nicht mal der Biden von 2020.
Einige Tage nach dem denkwürdigen TV-Duell veröffentlichte die New York Times einen Beitrag Clooneys mit dem Titel „Ich liebe Joe Biden. Aber wir brauchen einen neuen Kandidaten.“ In ihm findet der Schauspieler zuerst lobende Worte für Biden, der viele Schlachten gewonnen habe. Dann schreibt er jedoch: „Wir werden mit diesem Präsidenten im November nicht gewinnen.“ Die Demokratische Partei habe sich zu sehr auf die Abwehrschlacht gegen Donald Trump konzentriert und dabei jedes „Warnzeichen“ bezüglich Bidens Alter ignoriert. Der Schauspieler forderte, einen neuen Kandidaten aufzustellen und schließt mit der Feststellung, dass Joe Biden ein Held sei, der 2020 die Demokratie rettete. „Das muss er 2024 wieder tun“ – nun allerdings durch einen Verzicht.
Das kulturelle US-Establishment wandte sich gegen Biden. Teilweise waren es dieselben Akteure, dir ihn kurz zuvor noch unterstützt hatten. Drehbuchautor Damon Lindelof wurde in einem Beitrag ähnlich deutlich. Er schreibt, dass es jetzt „verdammt noch mal Zeit“ sei, „aufzuwachen“. Lindelof schlug ein „DEMbargo“ vor: Demnach sollte es kein Spendengeld mehr für gewählte Amtsträger der Demokraten geben, bis Biden seine Kandidatur aufgegeben hatte. Auch weitere Hollywood-Größen wie die Filmemacher Michael Moore und Rob Reiner, der Schauspieler John Cusack, Autor Stephen King oder Moderator Stephen Colbert forderten Bidens Rückzug. Hollywood-Star Michael Douglas zeigte sich wegen Bidens Kandidatur öffentlich ebenfalls „sehr besorgt“.
Große Medien schwiegen zu Bidens Verfall
Die großen US-Medien hatten über all dieses Vorgänge nach dem TV-Duell zwar berichtet, allerdings hatten sie zuvor jahrelang zu Bidens Verfall geschwiegen oder diesen sogar als republikanische Schmutzkampagne oder gar „Verschwörungstheorie“ abgetan. Erst Anfang Juni 2024 hatte sich das Wall Street Journal, das zu Rupert Murdochs Medienimperium gehört, als erste größere Zeitung vorgewagt und Bidens kritischen Geisteszustand thematisiert. Doch die Pressestelle des Weißen Hauses hatte umgehend reagiert und die Quellen des Artikels als Trump-Anhänger bezeichnet. „Die Angst vor Trump hatte Vorrang vor dem richtigen Handeln“, schreibt der US-Investigativjournalist Seymour Hersh kritisch über die Leistung seiner Kollegen. Letztlich habe jeder Journalist in Washington über Bidens Verfall Bescheid gewusst, meint Hersh. Doch die Medienlandschaft unter Führung von New York Times, Washington Post oder CNN habe geschwiegen.
Das Presseteam von Joe Biden habe kritische US-Hauptstadtjournalisten bereits 2020 auf Linie gebracht, schreiben Tapper und Thompson. Alle Journalisten, die über Bidens Verfall berichteten, waren von einem „Korps von Social-Media-Influencern, progressiven Reportern und demokratischen Mitarbeitern“ angegriffen und als „unprofessionell und voreingenommen“ beschimpft worden. „Das Ziel war es, Journalisten zu beschämen und eine abschreckende Struktur für diejenigen zu schaffen, die sich für den Zustand des Präsidenten interessieren.“
Tapper selbst hatte im Jahr 2020 ein CNN-Interview mit Trumps Schwiegertochter Lara abgebrochen, weil sie zuvor auf Bidens offensichtlichen „kognitiven Verfall“ hingewiesen hatte. Sie habe keine Kompetenz solch eine Diagnose zu stellen und mache sich nur über Bidens „Stottern“ lustig, behauptete Tapper damals. Fünf Jahre später im Zuge der Vermarktungskampagne für sein Buch entschuldigte sich der CNN-Journalist dafür. In einem Welt-Artikel heißt es, Tapper müsse realistischerweise als „Opportunist“ bezeichnet werden.
Sein Co-Autor Thompson erklärte in einem Spiegel-Interview, es gebe mehrere Gründe für das Versagen der US-Leitmedien im Fall Biden. Die Hauptstadtjournalisten neigten eben mehrheitlich den Demokraten zu. „Und in manchen Fällen haben einige Leute sich in der Berichterstattung von ihrer politischen Einstellung beeinflussen lassen“. Zudem sei das Phänomen des „Gruppendenkens“ als erklärender Faktor wichtig. Es gebe einen gewissen „Zusammenhalt der Washingtoner Medien“. Außerdem neigten viele seiner Kollegen dazu, eher Biden zu glauben, da Trump so häufig die „Unwahrheit“ sagte. „Dabei wurde vergessen, dass jedes Weiße Haus zu einem gewissen Grad lügt. Was fehlte, war eine gute Portion Skepsis.“
Der frühere Spiegel-Journalist und Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart, der jahrelang als Washington-Korrespondent tätig war, wirft den US-Medien „Vertuschung“ und dem Weißen Haus eine „Inszenierung“ vor. Biden sei bereits lange vor dem Fernsehduell ein „schwer angeschlagener Greis mit nur noch reduziertem Erinnerungsvermögen und limitierter Auffassungsgabe“ gewesen. Doch die US-Mainstreamjournalisten hätten wegen ihres Kampfes gegen Trump bei Biden beide Augen zugedrückt. „Man übersieht, was nicht übersehen werden sollte, um Schlimmeres zu verhindern – das Extreme, das Rechte, Trump.“ Doch, was Steingart nicht erwähnt, dieselbe Kritik trifft auch auf deutschsprachige Medien zu.
Deutsche Leitmedien geschlossen an der Seite „liberaler“ US-Medien
Bidens kognitive Fehlleistungen wurden auch hierzulande regelmäßig verniedlicht („sorgen für Schmunzeln“) oder als charakterliche Eigenheiten Bidens dargestellt („hat eine lose Zunge“). Manch einer – wie ZDF-Washington-Korrespondent Elmar Theveßen – stellten Bidens Probleme sogar gänzlich in Abrede: der US-Präsident sei „geistig topfit“. Wenn Bidens hohes Alter in deutschen Medien thematisiert wurde, dann hieß es regelmäßig, dass Donald Trump ebenfalls alt sei. Als Erklärung für Bidens Patzer hieß es mal, er sei erkältet, mal, er habe zu wenig geschlafen.
Die Frankfurter Rundschau behauptete noch im Juni 2024, Videomaterial, das Bidens Aussetzer zeige, sei „irreführend“ und „manipuliert“; der oben erwähnte Bericht des Wall Street Journal sei einseitig; Biden wiederhole sich nur „angeblich“ ständig und bewege sich lediglich „angeblich“ langsam. Der österreichische Standard schrieb, Bidens Momente der Starrheit und Umnachtung existierten nur „scheinbar“, seine langsamen Bewegungen resultierten aus seiner „beträchtlichen Arthritis“ und wegen eines „Wirbelsäulenrheumas“. Außerdem tanze er nicht gern. Videos, die seine fortschreitende Senilität zeigen, würden „im falschen Kontext verbreitet“.
Der Tagesschau-Faktenfinder schlug in dieselbe Kerbe, bezog sich dabei auf einen entsprechenden „Experten“ und kritisiert Trump-nahe Mediennetzwerke für die Verbreitung der Biden-Videos. Der Spiegel schrieb, US-Medien wie NBC hätten republikanische Behauptungen über Bidens Senilität „entkräftet“. Die Welt behauptete in einem Kommentar sogar explizit: „Nein, Joe Biden ist nicht senil“. Er sei „rüstig“ und halte „brillante Reden“ – er nuschele lediglich ab und zu. Der Stern erklärte, Bidens Umgang mit seinem Stottern sei „bewundernswert“.
Erst nach dem TV-Duell kamen auch deutsche Medien auf die kritische Spur und verbreiteten nun ähnliche Video-Zusammenschnitte von Bidens Fehlleistungen, wie zuvor die „rechten US-Medien“. Nur wenige deutsche Medien – wie die Welt veröffentlichten selbstkritische Artikel hierzu.
Trauer, Schweigen und Vertuschung
Zu Joe Bidens geistigem Verfall gibt es neben der politischen auch eine familiäre Komponente. Sie betrifft Bidens ältesten Sohn Beau, der als Kind zusammen mit seinem Bruder Hunter Anfang der 1970er Jahre einen Autounfall schwer verletzt überlebte, bei dem Bidens erste Frau und ihre 13 Monate alte Tochter ums Leben kamen. Während Hunter als „Mühlstein um Joe Bidens Hals“ gilt, weil er so viele Probleme verursacht, war Beau der „Kronprinz“. Zweimal, 2006 und 2010, war er zum obersten Rechtsberater der Regierung von Delaware gewählt worden. Für 2016 strebte er das Amt des Gouverneurs des Bundesstaates an. Dazu kam es nicht, denn im Mai 2015 verstarb Beau mit 46 Jahren an einem Hirntumor. Die Erkrankung wurde im Sommer 2013 diagnostiziert, aber nicht öffentlich gemacht, schreiben die Autoren Tapper und Thompson in ihrem Buch.
Weiter heißt es dort, dass sowohl Bidens als auch Beaus Team gemeinsam beraten haben, wie viel sie über Beaus Zustand preisgeben. Am Ende beschlossen sie, zu schweigen. Beau selbst soll einem Journalisten gegenüber versichert haben, er sei „bei bester Gesundheit“. Laut den Autoren offenbare dieser Umstand, „welche Abwehrmechanismen und Vermeidungsstrategien bei den Bidens einsetzten, damit Gesundheitsprobleme nicht transparent wurden.“ Auch Joe Bidens Leibarzt Kevin O’Connor war in die verschleiernde Behandlung des Sohnes involviert. Der Tod von Beau habe in seinem Vater etwas zerbrochen. Ein Mitarbeiter des Weißen Hauses erzählte Tapper und Thompson, dass sich seiner Meinung nach Teile seines Verstandes und seines Denkvermögens aufgelöst hätten. Darüber hinaus sei er durch den Tod Beaus stark gealtert, berichteten Personen aus dem Umfeld von Joe Biden den Autoren.
Die eigenen Mechanismen richten sich gegen Biden
Der Umgang mit Bidens Verfall, der auch mit dem Tod seines Sohnes zusammenhängt, hatte innerhalb der Familie Biden also eine Tradition, die an eben diesem Tod exemplarisch vorexerziert wurde. Gleichzeitig wiederholten sich Vorgänge innerhalb der Demokratischen Partei, von denen Biden vier Jahre zuvor gegen Sanders noch profitiert hatte. Nun richteten sie sich allerdings gegen ihn.
Laut Seymour Hersh rief Obama am Morgen des 21. Juli 2024 Biden an und sagte ihm: „So ist der Deal. Wir haben Kamalas Zustimmung, uns auf den 25. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten zu berufen.“ Der Zusatzartikel besagt, dass der Vizepräsident die Regierungsgeschäfte übernimmt, wenn der Präsident vom Vizepräsidenten und anderen für ungeeignet befunden wird, die Befugnisse und Pflichten seines Amtes auszuüben. Zu diesem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass Biden zustimmen würde, versichert Hershs Informant. Und dass Obama deutlich gemacht habe, Harris nicht sofort zu unterstützen. Am Ende gingen die Wahlen für die Demokraten trotzdem verloren. Kamala Harris unterlag Donald Trump, der am 5. November 2024 mit deutlicher Mehrheit zum zweiten Mal zum Präsidenten der USA gewählt wurde.
Hier könnte dieser Artikel enden. Fazit: Ein hochbetagter Machtpolitiker kann seine fortschreitende Demenz nicht akzeptieren und will weiterhin im Weißen Haus regieren, während sein Team ihn aus Besorgnis abschirmt und zahlreiche Ja-Sager in der Partei sich nicht trauen, gegen Biden aktiv zu werden. Erst die Geldentzugsdrohung schwerreicher US-Oligarchen, die sich von einer möglichen weiteren Präsidentschaft Donald Trumps ideologisch bedroht sehen, erzwingen Bidens Rückzug, den ein nun aufgescheuchtes Partei-Establishment in Person Obamas mittels interner Verabredungen und willfähriger Leitmedien praktisch herbeiführt. So die – zugegeben bereits ziemlich unappetitliche – These vieler US-Demokraten heute, die zumindest aufzeigt, wie wenig das Handeln der politischen, medialen und wirtschaftlichen Elite der Vereinigten Staaten mit Demokratie zu tun hat. Doch eine wesentliche Frage – wahrscheinlich die unappetitlichste von allen – bleibt dabei außen vor.
Wer regierte die USA unter Biden?
Bereits während der TV-Debatte fragten sich „einflussreiche Demokraten“, die von Bidens geistigem Abbau überrascht waren, laut Tapper und Thompson: „Wer regiert eigentlich gerade unser Land?“ Wer traf die politischen Entscheidungen der Weltmacht USA in einer Zeitphase in die etwa die Corona-Krise und der Beginn des Ukraine-Krieges fielen? War es entgegen aller oben geschilderten Zustände trotzdem Joe Biden, wie es die demokratische Gouverneurin Maura Healey zusammenfasste? „Es gab nur einen alten Mann und seine Helfer, die jeden seiner Wünsche ausführten.“ Oder kontrollierten diese „Helfer“ nicht viel eher ihren Chef und trafen die präsidialen Entscheidungen gleich selbst? Auch für letztere These gibt es Argumente und Belege.
Tapper und Thompson schreiben, Bidens engster Kreis sei von allen nur als „das Politbüro“ bezeichnet worden. Dazu gehörten der erste Stabschef Ron Klain, der im Weißen Haus unter Biden den Spitznamen „Premierminister“ getragen habe und die politische Agenda lenkte. Die weiteren Mitglieder des „Politbüros“ waren Bidens Berater Mike Donilon, der der „tatsächliche politische Direktor“ gewesen sei sowie Steve Ricchetti und Bruce Reed. Eine interne Quelle aus dem Weißen Haus habe den beiden Buchautoren gesagt:
„Fünf Leute führten das Land, und Joe Biden war, wenn überhaupt, Seniorchef dieses Gremiums.“
Eine andere Quelle aus dem Kabinett sagte: „Ich habe nie zuvor eine solche Situation erlebt, in der so wenige Leute so viel Macht innehaben.“ Das Politbüro treffe „ständig enorm wichtige wirtschaftliche Entscheidungen“, ohne zuvor die zuständigen Minister zu konsultieren. Ein Minister aus Bidens Regierung sagte den Buchautoren, das Kabinett habe den Präsidenten immer seltener persönlich zu sehen bekommen, da dessen Mitarbeiter ihn fernhielten. Der Minister zweifle, dass es sich bei politischen Entscheidungen Bidens tatsächlich noch um dessen persönliche Entscheidungen handeln könne, wenn sämtliche Informationen zuvor von seinem Stab „gefiltert“ würden.
Ab 2023 gesellte sich Jeffrey Zients als neuer Stabschef und Nachfolger Klains zum „Politbüro“ hinzu. Auch Bidens Ehefrau Jill und ihr Chefberater Anthony Bernal hätten starken Einfluss auf Joe Biden gehabt, heißt es bei Tapper und Thompson. Jill Biden sei nicht nur die „überzeugteste Leugnerin seines Verfalls“, sondern auch „eine der mächtigsten First Ladys der Geschichte“. Ihr Berater Bernal habe entscheidenden Einfluss auf den Terminplan und sogar auf Teilnehmerlisten für Staatsbesuche gehabt, heißt es im Buch.

Mike Donilon, Berater von Biden | Bild: picture alliance / Newscom / Ting Shen

Steve Ricchetti, Berater von Biden | Bild: picture alliance / Sipa USA | CQ-Roll Call

Jeff Zients, 2023-25 Stabschef des Weißen Hauses | Bild: picture alliance / Newscom / Oliver Contreras
Das „Politbüro“ entschied, was Joe Biden vom Teleprompter oder von Handzetteln ablas, es versuchte jede spontane Antwort Bidens auf Pressefragen zu verhindern, es isolierte ihn von anderen Politikern – und die „Politbüro“-Mitglieder waren es auch, die unzählige präsidiale Dokumente – darunter Exekutiv-Anordnungen und Begnadigungen – mit der Automatischen Signiermaschine („Autopen“) des Präsidenten unterschreiben ließen, wie ein Untersuchungsbericht des republikanisch geführten Aufsichtskomitees im Repräsentantenhaus im Oktober 2025 feststellte. Der Bericht spricht in seinem Titel sogar von einer „Autopen-Präsidentschaft“.
Ein langjähriger Mitarbeiter im Weißen Haus erklärte Tapper und Thompson über die Hoffnungen des „Politbüros“ auf einen weiteren Wahlsieg Bidens: „Er musste nur gewinnen und dann konnte er für vier Jahre verschwinden.“ Seine Mitarbeiter wären beim Regieren für ihn „eingesprungen“. Selbst nach dem verlorenen TV-Duell seien das „Politbüro“ wie auch Ehefrau Jill Biden entschieden für eine Fortsetzung von Joe Bidens Kandidatur gewesen und hätten sich gegen den Rückzug gewehrt. „Politbüro“-Mitglied Ricchetti wollte George Clooney gar „kaltstellen“ als er den Entwurf von dessen New York Times-Artikel las. Bidens Stabsmitarbeiter habe geklungen wie ein „Gangsterboss“.
All diese Aussagen und Erkenntnisse über die Zugriffsmöglichkeiten von Bidens Stab lassen die beiden US-Journalisten Tapper und Thompson jedoch im luftleeren Raum stehen und bohren nicht weiter. Damit stehen sie repräsentativ für große Teile der westlichen Politik und Leitmedien – auch bei anderen Themen. Genauer will man es wohl lieber nicht wissen.
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