Albrecht Dürer, „Traumgesicht“, 1525, Kunsthistorisches Museum Wien

Von der Freiheyt 1525 zur Freiheit 2025

Der Bauernkrieg vor 500 Jahren war ein Urereignis der deutschen Geschichte, Mühlhausen eines seiner Zentren. Dieses Jahr erinnert die große Thüringer Landesausstellung an die Ereignisse. Eine Spurensuche zwischen Exponaten und Erinnerungen.

HELGE BUTTKEREIT, 1. September 2025, 1 Kommentar, PDF

Die Fahne der „Freiheyt“ weht über Mühlhausen. In der beschaulichen Kleinstadt in Thüringen ist nicht nur dieses Jahr der Bauernkrieg Thema. Derzeit ist hier überall von „Freiheyt 1525“ die Rede, dem Titel der Thüringer Landesausstellung. Fahnen, Banner, Plakate zieren die Stadt, dazu kommen Fahnen und Banner mit „Freiheit 2025“. Sie werden nicht auf Demonstrationen geschwenkt, sondern es geht um die Veranstaltungen zum Bauernkriegsgedenken von Kirche und Stadt. Vor 500 Jahren war die damalige Reichsstadt letzter Wirkungsort von Thomas Müntzer, von hier zog er zur Schlacht bei Frankenhausen, vor den Toren Mühlhausens wurde er nach dem blutigem Gemetzel und der Niederlage der Aufständischen hingerichtet.

Wer sich 500 Jahre später an dieses Urereignis deutscher Geschichte erinnert, der ist in Mühlhausen richtig. Das liegt zum einen am schlichten historischen Schauplatz. Vor dem mächtigen alten Frauentor im Westen der Stadt steht ein Thomas Müntzer aus Stein und auch durch die historische Altstadt weht mehr als nur ein Hauch von Geschichte. Und nach 500 Jahren ist hier vor der Kornmarktkirche das Bauernkrieg-Denkmal von Albrecht Dürer errichtet worden. Von ihm wird noch die Rede sein.

Die Kornmarktkirche ist auch „Gedenkstätte Deutscher Bauernkrieg“ und einer der Orte der Landesausstellung. Gemeinsam mit dem Panorama-Museum auf dem Schlachtenberg in Bad Frankenhausen, eine gute Fahrstunde mit dem Auto entfernt, bietet die Stadt in insgesamt drei Museen noch bis in den Oktober einen Überblick über das historische Geschehen und seine Vor- und Nachgeschichte. Dabei geht es neben Müntzer und Thüringen um die Geschichte der Aufstände des „gemeinen Mannes“ im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, wobei mit dem „gemeinen Mann“ die einfachen Leute auf dem Land gemeint sind, die in Gemeinschaft lebten und handelten.

Dass Mühlhausen heute abgehängt scheint, davon zeugt schon der Bahnhof. Rundherum wurde modernisiert, Infrastruktur aber gibt es nicht. Der Besucher muss eine gute Viertelstunde in die Altstadt gehen. Zu Fuß, versteht sich, denn Busse fahren nur selten, Taxen stehen auch nicht regelmäßig bereit. Nordthüringer Provinz. Der Besucher erlebt eine schöne aber verschlafene Stadt mit gut 35.000 Einwohnern, die mit ihrer Altstadt immerhin ein großes Flächendenkmal vorzuweisen hat. Dort ist mittlerweile vieles saniert, andere Häuser scheinen kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen.

Ausstellungsplakat in Mühlhausen | Foto: Helge Buttkereit

Das Leben um 1500

Während heute Touristen durch die Stadt streifen, pulsierte in der Zeit des Bauernkriegs das Leben auf den den Straßen. Die Stadt war eine der größten des Reiches, hatte mehr als 10.000 Einwohner, war Mitglied der Hanse und durch den Waidanbau und die Tuchproduktion zu einem wichtigen Handelszentrum geworden. Im Jahr 1525 war Mühlhausen das Zentrum der radikalen Reformation um Thomas Müntzer, wobei es bereits vorher radikale Strömungen in der Stadt gab. Seit 1524 war Müntzer Prediger an der Marienkirche im Nordwesten der Stadt, der zweitgrößten Kirche Thüringens. Sie ist heute eines der drei Museen, in dem 500 Jahre nach den Ereignissen des Bauernkriegs der Geschichte nachgespürt werden kann.

Die Ausstellung in der Kirche führt in den bäuerlichen Alltag ein. Wie das damalige Leben geht die Ausstellung mit dem Jahreslauf voran. Denn schließlich lebten die Menschen vor 500 Jahren noch viel mehr nach den Jahreszeiten als heute, zumal wenn sie als Bauern das Land bestellten und Tiere hielten, Holz schlagen oder Fische fangen mussten. Die Ausstellung arbeitet mit Originalquellen, insbesondere mit zeitgenössischen Bildern, aber auch mit vielen Exponaten. Die Stimmung ist gedeckt, das Licht schummrig, fast wie in den alten gedrungenen Häusern der Bauern aus der Frühen Neuzeit. Allein es fehlt der strenge Geruch der Tiere.

Die ganze Ausstellung ist dabei reduziert auf das Wesentliche. Die einfachen Geräte, der Pflug, das Schüttelfass aus Holz für den Transport lebender Fische, eine Schubkarre mit Holzrad oder auch die Holzlöffel oder -teller zeugen von einfachen, oft armseligen Verhältnissen auf dem Land. Während heute große Maschinen die Äcker bestellen, wimmelt es auf den Darstellungen von damals von Menschen. Die Arbeit war hart, viele Arbeitsschritte und damit auch viele Menschen waren nötig, um beispielsweise das Hauptnahrungsmittel, das Getreide, zu ernten. Deutlich wird dies auf dem Bild von Hans Wertinger zum Monat August, auf dem ein kleines Heer an Bauern mit Dreschflegeln auf die gemahlenen Halme einschlägt. Wenn dann die gemahlenen Körner in Säcke abgefüllt und diese zur Mühle transportiert wurden, dann hielt am Ende die Herrschaft die Hand auf.

Denn die Bauern, die etwa 80 Prozent der damaligen Gesellschaft ausmachten, mussten für ihren Herren nicht nur oftmals Arbeit verrichten – während sie selbst auf ihren Äckern genug zu tun gehabt hätten. Sie mussten auch vieles abgeben, das sie erwirtschaftet hatten. Auf der anderen Seite machte ihnen der Adel die alten Rechte auf Holzschlag, Fischerei oder gemeinschaftliches Grünland für das Vieh streitig. Wie wichtig diese gemeinschaftlichen Rechte waren, wird in der Ausstellung deutlich. Die Gründe für den Aufstand sind gerade auch hier zu suchen.

Die Bevölkerung im Reich war nach den Pestepidemien des Spätmittelalters zu Beginn des 16. Jahrhunderts wieder stark angewachsen, immer wieder gab es Missernten und damit Hunger. Dazu versuchten Adel und Kirche ihre Herrschaft auszubauen. Die ständische Gesellschaft des Mittelalters zog ihre Legitimität aus der Gegenseitigkeit. Die Bauern arbeiteten für den adeligen Herrn, der ihnen Schutz garantierte. Die Kirche wiederum sorgte für das Seelenheil. Diese Grundlagen wankten, wenn die Herrschaft zur abstrakten Gewalt wurde und statt als Schutzmacht als Bedrohung wahrgenommen wurde.

Doug Miller, Bauernkriegsschachspiel | Foto: Alexander Hartleib / Mühlhäuser Museen

Wenn dann auch die traditionelle Kirche das Leben auf dem Land nicht mehr stützte, sondern immer mehr Geld forderte – beispielsweise durch den Ablass, den die Menschen für prunkvolle Kirchenbauten in Italien zahlen sollten –, dann gab es viele Gründe für den Protest gegen die bestehende Ordnung. Der Blick der Aufständischen wandte sich im Übrigen nicht automatisch nach vorne in Richtung der heutigen „Freiheit“, sondern hatte oftmals eher die alte „Freiheyt“, verstanden als die hergebrachten Rechte aus dem Mittelalter, im Blick. Es kommt vermutlich nicht von ungefähr, dass Thomas Müntzer seine radikale Reformation mit der deutschen Übertragung klassischer gregorianischer Choräle aus dem Mittelalter vertonte. Auch hier wird die Verbindung des Alten mit dem Neuen greif- und vor allem hörbar. Der Gesang, vergangenes Jahr aufgenommen durch das Ensemble Amarcord in Mühlhausen, bildet die Mitte der Ausstellung in der Marienkirche und begleitet so den gesamten Besuch.

Die Ereignisse des Bauernkriegs und ein Denkmal

Einige hundert Meter weiter an Fachwerkhäusern vorbei über gepflasterte Straßen geht es zur Kornmarktkirche. Hier wird der Fokus umgekehrt. Geht es in der Marienkirche um den gemeinen Mann, seine Last und sein Leben, stehen hier in der Gedenkstätte Deutscher Bauernkrieg die Ereignisse von damals im Mittelpunkt. Natürlich, auch sie sind ohne die einfachen Menschen, die viele tausend Köpfe umfassenden Bauernhaufen nicht denkbar. Sie finden ihre angemessene Würdigung. Daneben richtet sich der Fokus auf die wichtigsten Köpfe, die Personen, die in den Ereignissen gehandelt und sie geprägt haben.

In der Kornmarktkirche erzählen die Ausstellungsmacher die großen Linien. Sie beginnen mit den großen Visionen, mit den Ankündigungen, dass etwas Großes, etwas Mächtiges, etwas Umstürzendes im Schwange war. Das Werk des Nürnberger Kalenderautors Leonhard Reynmann sagte es für das Jahr 1524 voraus. Die „Practica über die großen und mannigfaltigen Coniuction der Planeten“ wurde vielfach gedruckt. Auf dem Titelholzschnitt ist eine bestimmte Sternenkonstellation zu sehen, in der eine Sintflut ausbricht und sich die Untertanen gegen die Herren erheben. Insgesamt erschienen mehr als 60 Flugschriften in hoher Auflage, die aus der besonderen Planetenkonstellation des Saturn Ereignisse voraussagten, die dann auch zum Teil eintraten.

Ohne die Neuen Medien der damaligen Zeit, ohne den neuen Flugschriftendruck wären sowohl die Reformation wie auch der Bauernkrieg kaum denkbar gewesen. Der Bauernkrieg war ein zeitgenössisches Medienereignis, wie der Historiker Thomas Kaufmann in einem aktuellen Buch schreibt. Waren nun die Prophezeiungen Humbug? Aberglaube? Oder waren sie damals moderne (astronomische) Wissenschaft? In jedem Fall kam beides zusammen: Die Vorhersage traf auf die Realität, die Menschen fühlten sich möglicherweise durch die Prophezeiung ermutigt.

Auch die Reformation bestärkte Menschen auf dem Land darin, dass es nicht so bleiben musste, wie es schon immer gewesen war. Also fand der prognostizierte Aufstand ab 1524 statt. Zunächst in Stühlingen in Süddeutschland, wo die Thüringer Ausstellung beginnt. Stühlingen im Juni 1524. Die Geschichte von der Anordnung der örtlichen Gräfin an die untergebenen Bauern, Mitten in der Erntezeit Schneckenhäuschen zum Garnaufwickeln zu sammeln, ist vielleicht eher eine Geschichte als die Realität. Sie passte ins Bild der Zeit und wurde als Erzählung wirkmächtig. Bis heute.

Auch in der Kornmarktkirche sind es viele Originalquellen, die den Aufstand plastisch machen. Ob die vielen Bilder, mit denen schon die Zeitgenossen das Ungeheuerliche darzustellen versuchten. Oder auch die bedrohlichen Spieße in den Händen der Soldaten, die Kanonen, die Waffen oder auch die Replik einer eisernen Hand des Feldherrn Götz von Berlichingen, der die Residenz des Fürstbischofs von Würzburg belagerte und dort eine der vielen vernichtenden Niederlagen der Bauern erlebte. Viel Blut, siegreiche Ritter, abgeschlagene Köpfe – die Bilder nach den Schlachten, das oft genug mehr ein Abschlachten war, sind nichts für sanfte Gemüter.

Hellebarde aus dem 16. Jahrhundert | Foto: Alexander Hartleib / Mühlhäuser Museen

In wenigen Sätzen sind die Ereignisse wie folgt erzählt: Die Bauern erhielten großen Zulauf, die Haufen wuchsen und zogen siegreich durch die Lande. Die Herren der alten Ordnung brauchten eine Zeit um zu begreifen, was dort auf ihrem Land passierte. Und sie brauchten Zeit, um Söldnerheere zu rüsten, Feldherren zu finden und dann gegen die Bauernhaufen in die Schlacht zu ziehen. Diese wollten eher durch Verhandlungen zu Ergebnissen kommen, gingen oftmals auch wieder auseinander, um auf den Äckern zu Hause zu arbeiten. Zwar gab es viele Flugschriften und Programme wie vor allem die berühmten Zwölf Artikel aus dem Frühjahr 1525 – in der Ausstellung wird durch die vielen verschiedenen Titelblätter auf einer Karte des Reiches deutlich, wie verbreitet diese Schrift war. Aber ein einheitliches Programm, eine einheitliche Organisation der Aufständischen gab es nicht. Die Adligen hatten es da leichter, sie wollten ihre Herrschaft sichern und konnten so gemeinsam agieren und am Ende siegen. Soweit der grobe Geschichtsverlauf.

Nicht nur die Bauern begehrten in diesen bewegten Jahren auf. In Mühlhausen entlud sich die Unzufriedenheit bereits im Sommer 1523 nach den Predigten des radikalen Reformators Heinrich Pfeiffer. Die Bürger erreichten mehr politische Teilhabe und eine städtische Sozialvorsorge. Aber die Stadt kam nicht zur Ruhe, die Bürger forderten eine neue Stadtverfassung und gründeten unter der Führung von Müntzer und Peiffer den „Ewigen Bund Gottes“. Der alte Rat wurde aufgelöst, der „Ewige Rat“ durch die Aufständischen eingesetzt. Mitteldeutschland war in Aufruhr, die Entscheidung fiel auf dem Schlachtenberg in Bad Frankenhausen.

Während die Ausstellung die Geschichte größtenteils mit Exponaten erzählt, neben den Waffen gibt es kleine Münzen zu sehen oder auch den Schädel eines Geschlagenen von einem Schlachtfeld in Süddeutschland, ist die große Entscheidungsschlacht in Thüringen auf einem modernen animierten Display nachzuvollziehen. Aber auch hier gibt es keine Versuche, mit modernen Animationen scheinbare Nähe zu erzeugen, wird vor allem mit zeitgenössischen Bildern gearbeitet. Die dramatische Geschichte des entscheidenden Tages im Mai 1525, an dem Müntzer predigte, ein Regenbogen am Himmel den Bund der Aufständischen mit Gott nahe legte, die Bauern aber ihre Verteidigungslinien verlassen hatten und von der gegnerischen Armee niedergemetzelt wurden, macht bis heute sprachlos. So viele Tote, so viel Leid und Luther erklärte gegenüber dem Söldnerführer Asche von Cramm, dass auch Kriegsleute in seligem Stand sein könnte. Der Reformator wetterte mehrfach gegen die aufständischen Bauern, rief gar zu ihrer blutigen Niederschlagung auf.

Bischofsfigur aus der Werkstatt von Tilman Riemenschneider, um 1500 | Foto: Tino Sieland / Mühlhäuser Museen

Der gemeine Mann war nicht nur in Thüringen geschlagen, die Landschaft verwüstet, mehr als 100.000 Menschen tot, viele auf der Flucht. Noch im Jahr der Niederlage gestaltete Albrecht Dürer ein Denkmal für den Bauernkrieg. Ein einfacher Mann sitzt auf einer Säule von Gegenständen des täglichen Lebens: Fass, Krug, Garben, dazu Harke, Hacke und Mistgabel, aus einem Käfig schaut ein Huhn. Ein Schwert ist durch den Körper des Mannes gefahren, der niedergeschlagen nach unten schaut. Ein Denkmal, das 500 Jahre in die Zukunft wies. Denn damals konnte es nicht realisiert werden, erst seit diesem Frühjahr steht es vor der Kornmarktkirche Mitten in Mühlhausen. Ein bleibendes Denkmal für dieses Urereignis deutscher Geschichte, ein historischer Brückenschlag von 1525 nach 2025, von Freiheyt zu Freiheit. Ein Denkmal des großen Künstlers der Renaissance für die Gegenwart.

500 Jahre des Gedenkens

Das Denkmal schlägt einen Bogen von der damaligen Geschichte in die Gegenwart. Und damit ist es letztlich auch eine Geschichtsdeutung von heute, die sich dicht an den historischen Quellen wähnt, objektiv, unbestechlich. Auch das kann als Deutung des Bauernkriegs gesehen werden. Von denen gab es in den vergangenen 500 Jahren wahrlich genügend. Diese sind bei der Landesaustellung im Kulturhistorischen Museum Mühlhausens zusammengefasst. Von der Kornmarktkirche muss der Besucher wiederum durch die Innenstadt laufen, an der Divi Blasii Kirche – einstiger Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach – am Untermarkt vorbei. Auf dem Untermarkt sind Meilensteine der Geschichte in den Boden eingelassen, an der Kirche hängt eine moderne Regenbogenfahne, damals war sie Symbol des Aufstands, heute hängt sie nicht nur an Kirchen sondern auch vor staatlichen Einrichtungen oder vor Rewe. Freiheit 2025? Vielleicht auch das Gegenteil.

Im Kulturhistorischen Museum dann eine Sammlung an Erinnerungen an den Bauernkrieg. Und natürlich: Jede Erinnerung geht mit der Zeit. Bis ins 19. Jahrhundert herrschte ein negatives Bild vor. Als dann auch in Deutschland versucht wurde, die Verhältnisse grundlegend zu ändern, als die demokratischen, gar die sozialistischen Bewegungen an Kraft gewannen, war auch der Blick zurück ein anderer. Der Pfarrer Wilhelm Zimmermann hat kurz vor der Revolution 1848, nach der er selbst Abgeordneter wurde, die Ereignisse in einem umfassenden Werk auf breiter Quellenbasis zusammengefasst. Seine Geschichte des Bauernkriegs lohnt bis heute die Lektüre.

Die Filme, die insbesondere in der DDR entstanden, vermitteln einen Eindruck von der Geschichte aber auch ihrer Deutung. Galten doch Thomas Müntzer und die Aufständischen des 16. Jahrhunderts als Vorläufer des (realen) Sozialismus in der DDR. Neben den Filmen war beispielsweise der Thomas Müntzer auf dem Fünf-Mark-Schein ein sichtbares Zeichen der Traditionssuche. Schließlich brauchte der Staat der Arbeiter und Bauern auch eine eigene Geschichte, auf die er sich beziehen konnte. Und so bediente er sich dem untergründigen Geschichtsverlauf, der vom 16. Jahrhundert in die damalige Gegenwart zu weisen schien. Schließlich war ein unkritischer Bezug auf die deutsche Geschichte, wie sie bis dahin meist erzählt wurde, nach dem Ende des NS-Faschismus nicht mehr möglich.

Fünf-Mark-Schein aus der DDR mit dem Porträt von Thomas Müntzer | Foto: Scott Moore / CC BY 2.0

Auch die Nazis hatten ihr eigenes Bild vom Bauernkrieg. Die Niederlage der Bauern hing aus ihrer Sicht mit dem Fehlen eines wirklichen Führers zusammen. Der Bauernführer Florian Geyer wurde zu einem solchen stilisiert und natürlich fand auch der Antisemitismus seinen Platz. In der Ausstellung wird das bildhaft sichtbar mit der Puppe des „Bändeljuden“ aus dem Marionettenspiel „Der Bauer im Joch“. Für das Übel, das die Bauern zu erleiden hatten, war der Jude (mit Hakennase und abstehenden Ohren) verantwortlich – so halluzinierten es zumindest die Nazis. In der Bundesrepublik bezogen sich vor allem oppositionelle Gruppen auf den Bauernkrieg. Auch einige Filme – Ausschnitte aus Ost und West sind in der Ausstellung zu sehen – oder die „Bauernoper“ von Yaak Karsunke und Peter Janssens entstanden im Nachgang der Außerparlamentarischen Opposition der 1960er Jahre. In diesem Jahr nun erinnern Gedenkorte, Theaterstücke, viele Publikationen und natürlich Ausstellungen in Memmingen, Schussenried und natürlich Mühlhausen an den Bauernkrieg.

Ein Exponat der Ausstellung im Kulturhistorischen Museum weist dabei über Mühlhausen hinaus nach Bad Frankenhausen. Denn hier hängt eine der Tafeln, die der Maler Werner Tübke (1929-2004) zur Vorbereitung seines monumentalen Bauernkriegs-Panoramas erstellte. Wer vor der berühmten Szene auf dem „Schlachtenberg“ mit Thomas Müntzer, dem Regenbogen und dem Gemetzel steht, mag kaum glauben, dass dieses Werk zehnmal Größer zum Teil des Panoramas geworden ist. Denn das Bild ist schließlich schon hier zweieinhalb Meter breit.

Wer es nicht nach Bad Frankenhausen schafft, bekommt einen ersten Eindruck von dem monumentalen Charakter dessen, was Tübke in der runden Halle auf dem Schlachtenberg in den 1980er Jahren geschaffen hat. Dort gibt es das größte Gemälde Europas zu sehen, ein Monumentalwerk, das der Bedeutung der Ereignisse vor 500 Jahren würdig ist. Eines, das keine Heldenverehrung betreibt, sondern das die Brüche und die Niederlagen des gemeinen Mannes damals deutlich vor Augen führt. Und vielleicht ist es gerade die Niederlage, die bis heute fasziniert und die Interpreten zu Überlegungen hinreißen lässt, was denn gewesen wäre wenn.

Klar ist: Jeder Interpret, jede Zeit, nimmt sich seinen und ihren Teil aus der Geschichte. Was die Suche nach der historischen Wahrheit und vor allem dem untergründigen Fortwirken, dem Unabgegoltenen der Geschichte nicht obsolet macht. Dabei hilft ein wacher Blick in die Vergangenheit und ins Heute. Wer nicht mehr genau hinschaut, verliert schließlich auch die Freiheit aus dem Blick. Dann kann die „Freiheit“ zur Marke werden, wenn das berühmte Mühlhäuser Pflaumenmus (mit Quitte oder Schlehe) das Etikett „Freiheitsmus“ aufgedrückt bekommt.

Über den Autor: Helge Buttkereit, Jahrgang 1976, hat sein Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Journalistik mit einer Arbeit zu „Zensur und Öffentlichkeit in Leipzig 1806-1813“ abgeschlossen. Nach journalistischen Tätigkeiten bei verschiedenen Medien und Buchveröffentlichungen über die Neue Linke in Lateinamerika arbeitet er aktuell in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Titelbild: Albrecht Dürer, „Traumgesicht“, 1525, Kunsthistorisches Museum Wien

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Literaturtipps

Angesichts des Jubiläums sind viele Bücher aber auch einige historische Zeitschriften erschienen. Hier gibt es eine kleine Übersicht.

Bücher

  • Freiheyt 1525. Begleitheft zur Thüringer Landesausstellung, 232 Seiten, 14,95 Euro
  • Peter Blickle, Der Bauernkrieg. Die Revolution des gemeinen Mannes, C.H. Beck, 144 Seiten, 12 Euro
  • Hans-Jürgen Goertz, Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten, C.H. Beck, 352 Seiten, 29,90
  • Christian Pantle, Der Bauernkrieg. Deutschlands großer Volksaufstand Propyläen Verlag, 336 Seiten, 22 Euro
  • Lyndal Roper, Für die Freiheit: Der Bauernkrieg 1525, S. Fischer, 676 Seiten, 36 Euro
  • Gerd Schwerhoff, Der Bauernkrieg. Eine wilde Handlung, C.H. Beck, 720 Seiten, 34 Euro
  • Éric Vuillard, Der Krieg der Armen, Matthes & Seitz, 64 Seiten, 16 Euro

Von den Büchern von Blickle und Goertz gibt es frühere Ausgaben. Insbesondere die neue Ausgabe des Buches von Goertz ist dieses Jahr nur in einer leichten Überarbeitung der zweiten Auflage aus dem Jahr 2015 erschienen. Für den Einstieg sind die Bücher von Pantle, Blickle und die literarische Annäherung von Vuillard zu empfehlen.

Historische Zeitschriften

LISA MARIA LEWIN, 2. September 2025, 18:50 UHR

Sehr umfangreich ist diese tarurige Geschichte und das, was man als "Aufarbeitung" verkauft. Oder wie Sie sagen: "Jeder Interpret, jede Zeit, nimmt sich seinen und ihren Teil aus der Geschichte."

Leider kann sich selbst "Aufarbeitung" in ihr Gegenteil verwandeln, nämlich in das Leugnen der Geschichte. Wenn es z.B. die früheren Hitlerfans waren, welche die Niederlage der Bauern mit dem Fehlen eines wirklichen Führers erklärten, dann muss deshalb dieses Argument ja nicht falsch sein. So wie es auch nicht demokratisch falsch wäre, würden wir heute mal nicht leugnen, dass der 1914 begonnene Kriegseintritt Deutschlands auch ermöglicht wurde durch die damals beiden stärksten deutschen Parteien, die SPD und die christlich orientierte Zentrumspartei (zusammen damals mehr als 50% Stimmenanteil). Da gibt man dann gern dem Kaiser die Schuld, der einen Krieg gegen seine Cousins in Russland und England gern vermieden hätte. Oder den späteren Kommunisten, den "undemokratischen" Feinden Hitlers.

Globaler erscheint uns das ewige Leugnen der Geschichte, wenn wir mal den Begriff "Pöbelherrschaft" nach seiner Bedeutung befragen. Martin Luther stellte sich an die Seite der Herrschenden gegen die aufständischen Bauern, was man bei Wikipedia unter dem Begriff Pöbel findet (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%B6bel) mit dem Luther-Zitat: „Der Esel will Schläge haben und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl, drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.“ Und dort findet man auch das Wort Ochlokratie, welches antike Denker verwendeten für Pöbelherrschaft. Man sagte damals, dies sei eine Entgleisung der Demokratie. Und man sagte bereits im 2. Jhdt, v. Chr., eine Pöbelherrschaft sei auch nicht besser als die Tyrannei eines Einzelherrschers oder eine Oligarchie (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Verfassungskreislauf).

Wenn ich mit kleinem Verstand zu diesem Thema heutige Christen befrage, dann erklären die mir vollautomatisch wie ein Roboter seit 30 Jahren, in der DDR sei die Kirche "für Demokratie aufgestanden" gegen die Herrschaft. Nach meiner Beobachtung herrschten aber in der DDR, in der Kirche gegen Atomstrom seit 1980 und für die Coronapandemie ab 2020 usw. usf. immer die gleichen Menschen im Namen von "Schuld sind immer die anderen", denn wir sind ja für alles Gute gegen alles Böse.

Lernen aus der Geschichte verlangt eben Menschenkenntnis statt pauschalisierte Begriffe im Namen von "Satan will immerzu und wir distanzieren uns". Heute schon wieder wie seit 30 Jahren. Und wie seit biblischen Zeiten, Amen.

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