Besucher in der Ausstellung „Paris 1874: Inventing impressionism“ im Musée d’Orsay, Paris, 2024 | Bild: picture alliance / Hans Lucas / Laure Boyer

Gesellschaft der Übergriffe

Der französische Philosoph Éric Sadin hat sich intensiv mit dem Projekt der Digitalisierung befasst und in zahlreichen Büchern vor deren gesellschaftlichen Folgen gewarnt. Er meint ausdrücklich: Alle Handlungen und Bewegungen werden überwacht und vermessen mit dem Ziel, den Ablauf der Welt von digitalen Programmen abhängig zu machen. Die Gesellschaft gerate so in ein „Regime der Konformität“. Multipolar stellt den in Deutschland bislang kaum bekannten Autor und sein Werk vor.

KATJA LEYHAUSEN, 12. September 2025, 2 Kommentare, PDF

Digitalisierung ist das Versprechen, alles zu wissen, ohne etwas zu verstehen, und alles zu können und beeinflussen zu können, ohne etwas gelernt zu haben. Beherrscht werden muss nur die formale Interaktion mit den Algorithmen. Dann breitet sich vor allen und jedem ein Leben ohne Mühen, Widerstände und unbequeme Zufälle aus. Im allgemeinen Datenfluss, der so präzise, unideologisch und sensibel vorausschauend ist, dass er sich niemals irrt, braucht man nur noch komfortabel mitzufließen. Verantwortung muss niemand mehr übernehmen.

Der französische Philosoph und Schriftsteller Éric Sadin, Jahrgang 1973, hinterfragt dieses Versprechen. Für ihn ist die Digitalisierung keine ungesteuerte geschichtliche Entwicklung, sondern ein aktiv betriebenes Industrialisierungsprojekt, das nirgendwo auf der Welt demokratisch beschlossen worden ist. Sadin hat seine Wurzeln in Kunst und Theater. Er lehrte an den Kunsthochschulen in Toulon und Lausanne sowie als Gastprofessor in Gifu (Japan) am Institute of Advanced Media Arts and Sciences (IAMAS), das damit wirbt, „wissenschaftliches Denken und künstlerischen Geist miteinander zu verschmelzen.“ Beim Thema Digitalisierung verfolgte er zunächst semiotische Interessen, die von Kunst, Literatur und Sprachstudien herkamen.

Neun Essays zur Digitalisierung hat er in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten verfasst, jeweils in Buchform. Zuerst ging es um die Analyse der digitalen Infrastruktur und die daraus resultierende Machtkonzentration: die Ausbreitung der Telekommunikationsnetze, um Datenbanken, die abgesperrt werden wie Atomsprengköpfe, um Big Data und Data Mining, Geolokalisation, Videoüberwachung, biometrische Datenerfassung, Nano- und Gentechnologien, Transhumanismus.

Mehr noch als die Machtverhältnisse beschäftigen ihn allerdings die gesellschaftlichen, zivilisatorischen und anthropologischen Konsequenzen dieser Technologien. Alle digitalisierungskritischen Schriften Sadins wenden sich an den citoyen: an den Staatsbürger, der als integres, selbstbestimmtes Individuum eine Verantwortung gegenüber sich selbst und dem demokratisch-republikanischen Gemeinwesen hat.

Mittlerweile wird Sadin als der „unverhohlenste und am meisten zitierte Kritiker des Silicon Valley in den französischen Medien“ bezeichnet. Spätestens seit er, im Februar 2025, zusammen mit zahlreichen französischen Gewerkschaften einen Gegengipfel gegen Emmanuel Macrons AI-Gipfel in Paris durchführte, müssen sich auch wissenschaftliche Institute mit seinem Werk auseinandersetzen.

Besonders in der spanischsprachigen Welt ist Sadin seit Langem gut bekannt. Ins Deutsche sind seine Bücher dagegen nicht übersetzt. Nur einige Tribunes – Kommentare zum Zeitgeschehen in Libération, Le Monde, Le Figaro, von denen er sagt, sie seien im Zorn verfasst – sind in ZEIT, Welt und Frankfurter Allgemeine veröffentlicht worden. Auch seine Bücher sind emotional engagiert. Der Tagesjournalismus tut ihn daher gerne als polemisch ab, ohne freilich seine theoretischen Fundamente zu würdigen. Sie gehören, wie jede ambitionierte Technikkritik, in den Bereich der politischen Philosophie; Sadin aktualisiert zentrale Argumente von Günther Anders, Jacques Ellul, Ivan Illich sowie auch der sogenannten Postmoderne, insbesondere Michel Foucaults Ideen zu Biomacht, Gouvernementalität und Wahrheitsregime.

Im Folgenden seien zwei seiner „frühen“ Analysen vorgestellt (Sadin 2009 & 2011) und in einen Zusammenhang mit späteren, politisch noch engagierteren Titeln gestellt (Sadin 2018, 2020, 2023).

Globale Überwachung

2009 analysierte Sadin, wie die Überwachung als Teil der digitalen Ideologie in die persönliche Integrität und in alle gesellschaftlichen Normen eindringt. (Surveillance Globale. Flammarion 2009). Überwachen definiert er als „aus der Distanz beobachten, ohne selbst gesehen zu werden“. Diese Unkenntlichkeit und Anonymität wird nicht nur durch die Technik – Videokameras, Smartphones, Video-Konferenzen – gewährleistet, sondern durch die digitale Ideologie selbst: Sie besteht darin, die Sichtweise der Informatik auf soziale Prozesse anzuwenden und sie zu einer Weltanschauung auszudehnen.

Das menschliche Leben und die Gesellschaft werden wie ein Programm aufgefasst, das decodiert, also in kleinste Einheiten zerlegt werden kann und auch muss, um Verhaltensweisen zu rationalisieren und gegen die unvorhersehbare Dynamik von Zufall und Geschichte abzusichern. Jedes Vorkommnis wird in eine Dateneinheit uminterpretiert – egal, welchem Zeichensystem es angehört: ob es eine Handlung ist oder eine sprachliche Äußerung, ein Text oder Bild, eine Tonfolge oder Zahl. Die verschiedensten Lebensäußerungen werden dadurch homogenisiert. Sie werden so miteinander vergleichbar und verknüpfbar gemacht; und sie werden manipulierbar. Denn diese unzähligen kleinsten Einheiten, in die Individuum und Gesellschaft zuerst analysiert worden sind, werden hernach von den Algorithmen der KI wieder neu zusammengesetzt und rückinterpretiert in die üblichen Zeichensysteme. So entstehen künstliche Welten, die jedoch als potentiell möglich und hochrelevant wahrgenommen werden.

Diese hohe Wertschätzung kommt daher, dass in der digitalen Ideologie jedes politische, wirtschaftliche, soziale, wissenschaftliche oder medizinische Problem als Frage der digitalen Organisation gilt, das mit digitalen Codes lösbar ist. Es gilt: Wenn man die elementarsten Einheiten menschlichen Verhaltens durchschaut, dann kann man dieses Verhalten auch über dieselben Elemente wie über kleinste, unmerkliche Stellschrauben diskret beeinflussen und lenken. Das ist für Sadin der „heimliche, heimtückische, hinterlistige“ Sinn der Reduktion alles Lebendigen und Komplexen auf informationelle Statistik. Er meint ausdrücklich: Alle Handlungen und Bewegungen werden überwacht und vermessen mit dem Ziel, den Ablauf der Welt von digitalen Programmen abhängig zu machen.

In dieser Diagnose unterscheidet sich Sadin von Shoshana Zuboff, die die Programmierung als beispiellose Form von Macht unter dem Schlagwort des „Überwachungskapitalismus“ auf kommerzielle Interessen zurückführt. Digitale Überwachung aber ist prinzipiell unabhängig von der Gesellschaftsformation. Und zweitens wird sie nicht nur vertikal im Interesse mächtiger privater oder staatlicher Akteure vollzogen, sondern auch horizontal. Es gibt nicht den oder die Überwacher hier und den oder die Überwachten dort, die Herrschenden und die Beherrschten. Dazu sind die Überwachungsbeziehungen zu vielfältig und vernetzt.

Jeder überwacht jeden: die Polizei die Terroristen, die Terroristen die Polizei. Bereits 2006 hatte die Polizei von Los Angeles die Bevölkerung zur anonymen Denunziation heimlich aufgezeichneter Diebstähle angestiftet. Umgekehrt hat sich copwatching durchgesetzt. Eine „Demokratisierung der Spionage“ hat sich ereignet: Man ist daran gewöhnt, in Video-Konferenzen die Gesichter der Anderen erbarmungslos zu inspizieren. Im direkten sozialen Kontakt wäre das streng verboten, weil es die persönliche Integrität angreift. Die Corona-Maskierung – die Sadin als solche nicht kritisiert –, war für ihn das sichtbarste Symptom dafür, dass sich Menschen im sozialen Raum gegenseitig zum Objekt werden. Die anonyme Überwachung hat sich als Praxis tief bis in die sensibelsten zwischenmenschlichen Interaktionen hineingefressen und zerstört die privaten und öffentlichen Räume gleichermaßen.

Das aufs Ganze berechnete Ziel der digitalen Überwachung ist für Sadin nicht Tatsachenfeststellung und Herrschaft durch Konformitätskontrolle, sondern Fluidität. Die störungsfreie und unwidersprochene Organisation sowohl politischer Macht, ökonomischer Gewinne als auch der unbequemen Abläufe im Alltag kleiner Leute ist demnach im Interesse aller.

In einem Interview nennt Sadin das Beispiel der Krankenhausorganisation: Consulting-Experten, die von Medizin und Pflege keine Ahnung haben, machten – mit ihrem orwellschen Newspeak (novlangue) – das hôpital de stock (stockage), wo Patienten zur Behandlung ruhen, zum hôpital de flux. Seitdem heißt es Fließen statt Lagern: Die Patienten werden durch ein Entlassungsmanagement in einen Patientenfluss geschmeidig hineinorganisiert, was, dem Versprechen nach, nicht nur für die öffentlichen Kassen gut ist, sondern auch für die Patienten, die sich kurz nach einer Operation bekanntlich sowieso zu Hause am wohlsten fühlen. Da niemand der falschen Rhetorik widersprochen hat, ist zuerst ein institutionalisiertes Missmanagement der öffentlichen Krankenhäuser entstanden und dann die COVID-Krise, meint Sadin – beides Folgen der digitalen Ideologie.

Die Gesellschaft der Antizipation

Unter dem Stichwort der Antizipation – Vorwegnahme – untersucht Sadin dieselbe Ideologie und Praxis mit einem anderen theoretischen Konzept, das sich mit dem der Überwachung überschneidet (La Société de l'Anticipation. Inculte 2011). Antizipation sichert die Fluidität, denn sie besteht darin, „das Entstehen von Phänomenen schon in seinem Keim zu erfassen“. Erfassen/ergreifen ist dabei nicht nur im metaphorischen, sondern auch im wörtlichen Sinn gemeint: Man (er)fasst den Dieb am besten, wenn man seine Absichten erfasst, noch bevor ihm der Diebstahl gelingt. Überwachung, Interpretation und aktive Intervention zugleich – so lautet die Funktion der Algorithmen. Sie sollen menschliche Intentionen, Bedürfnisse, Obsessionen vorausschauend erkennen und die Chance, die diese für ihre Auftraggeber bieten, aktiv ergreifen. Verbrechen und Katastrophen, Kaufentscheidungen und Konsumtrends, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Bewegungen sollen – je nach Auftrag – entweder verhindert oder forciert werden.

Sadin beschreibt den Prozess als rationalen Vorgang der mathematischen Berechnung, der aber zugleich die Züge eines geheimnisvoll-hellseherischen Mediums trägt. Die Algorithmen haben die Aufgabe, Ereignisse der nahen Zukunft zu enthüllen, die mit menschlichen Sinnen nicht erkennbar sind. Für diese Enthüllungspraxis können die anonym gesammelten Daten gar nicht zahlreich und disparat genug sein.

Das zeigte sich zuerst bei professionellen Expertensystemen, etwa in den 1990er Jahren bei der US-amerikanischen Supermarktkette Walmart. Aus deren Datensammlungen ergab sich, dass Windeln und Bier samstags bis in den Nachmittag hinein zusammen gekauft wurden. Die kreative Interpretation dieses seltsamen Befundes wurde damals noch Menschen überlassen, die ihn mit den samstäglichen Baseball-Spielen in Zusammenhang brachten. Menschen sorgten damals auch dafür, dass fortan Bier, Windeln und alles, was Familienväter samstags am TV sonst noch brauchen könnten, im Warenregal nah beieinander standen. Heute wird diese Antizipation von selbstlernender KI im Online-Shop am Smartphone erledigt, ohne jede menschliche Interpretation, Intervention und Intelligenz.

Die in heimlicher Überwachung gesammelten Daten werden als symptomatische Anzeichen gewertet, um der Realisierung dessen, was sie „anzeigen“, schnellstens zuvorzukommen. Es geht nicht darum, Tatsachen festzustellen, sondern darum, die Benutzbarkeit der User für Interessen zu testen und zu optimieren. Was die Algorithmen als Korrelationen erfassen, das interpretieren sie als Wünsche, Neigungen oder Ängste der User (sie bewerten ihre Klicks statistisch als solche), um sie umgehend rückzuübersetzen in Chancen und Risiken für ihre Auftraggeber.

Es gibt daher keine „manipulationsanfälligen Algorithmen“: Algorithmen sind immer auf erwünschte Reaktionen, Ergebnisse, Zwecke hin antizipativ-manipulativ berechnet. Das geht bis in die Medizin hinein, wenn Mammographie und Hautkrebsscreening nicht abwägend eingesetzt werden, sondern nur ihrer Aufgabe entsprechen, etwas zu finden, das einem Brust- oder Hautkrebs ähnlich ist. Das ist nicht intelligent, sondern bloß maximal zweckgerichtet. Dass sich der metaphorische Werbegag von der Künstlichen Intelligenz trotzdem durchgesetzt hat, ist, Sadin zufolge, ein „Triumph des Utilitarismus“.

Institutionalisierte Entmündigung und Realitätsblindheit

In der digitalen Antizipation sieht Sadin eine institutionalisierte Entmündigung. Denn zwar sind die von der KI antizipativ erfassten Symptome bloß statistische Korrelationen in einer virtuellen Welt. Doch ihre aktiven, zweckoptimierenden Eingriffe sind real: Mit automatisch generierten, zwingenden Handlungsanweisungen regiert die KI praktisch alles. Der User denkt, er sei derjenige, der die Befehle gibt und die Entscheidungen trifft. Doch es ist die KI, die diskret und heimtückisch die Entscheidung lenkt, indem sie ihm ein Angebot zum Anklicken zur Verfügung stellt, dem er sich nur unterwerfen kann. Sie fordert den User zu Eingaben und Reaktionen auf; er vervollständigt das Programm und setzt es fort. So entstehen Reiz-Reaktionsketten mit selbsterfüllenden Feedbackschleifen, die den Eindruck größter Effizienz vermitteln. Sadin nennt das „die performative Kraft der Algorithmen“: Was sie sagen, wird – wie durch Zauberhand – noch im selben Augenblick Wirklichkeit.

Die Reiz-Reaktionsketten werden in Echtzeit ausgelöst. Der Rhythmus der Abfolge von Bedürfnisberechnung, Bedürfniserfüllung und erneuter Bedürfnisberechnung beschleunigt sich daher. Das löst nicht nur Handlungsdruck aus, verhindert Nachdenken und Widerspruch. Es vermischt auch virtuelle und reale Welt, Wunsch und Wirklichkeit, Zukunft und Gegenwart. Das Zeitgefühl wird verdreht: Die User reagieren nicht auf das, was ist, sondern auf das, was angeblich kommt, weil sie der Weissagung den höheren Realitätswert beimessen.

Sie reagieren auf Ankündigungen, deren Wahrhaftigkeit sie mit menschlichen Mitteln nicht überprüfen können. Eine überprüfbare Tatsache ist die geweissagte Zukunft ja nicht, weil sie noch nicht da ist. Aber wenn man die Algorithmen befragt, dann steht immer etwas besonders Gutes oder etwas besonders Schreckliches unmittelbar bevor. Denn es ist ihr Zweck, Ereignisse anzukündigen, die eine gesicherte psychische Wirkung auf die User haben. Ihre Versprechen und Drohungen sollen maximal mobilisieren und zugleich sedieren, indem sie die Aufmerksamkeit binden und von anderen Interessen und Problemen sowie von eigenen Fragen und Zweifeln ablenken.

Die Folge der digitalen Antizipation ist daher für Sadin auch institutionalisierte Realitätsblindheit. Der User, der aus dem Angebot an Interventionen auswählt, trifft seine Entscheidungen in einer wunderbaren Welt voller Möglichkeiten, wo die Gesetze von Zeit, Raum und sachlich-kausaler Bindung aufgehoben sind. Jeglicher Bezugspunkt von außerhalb fehlt. Es ist diese quasi-inzestuöse Welt statistischer Korrelationen, in der die Realität von Mensch und Gesellschaft für Interessen formbar, fluide, anpassungsfähig wird. Von Jacques Lacan stammt der Satz: „Realität ist, wenn man sich daran stößt“. Durch die performativen Algorithmen jedoch wird die menschliche Realität wie ein Teig „geknetet“ und so plastisch, dass sie keinen Widerstand mehr bietet.

Als Beispiel nennt Sadin die Ideologie der Gender-Fluidität. Mit ihr ihr das Ethos entstanden, man brauche bloß im Reichtum der angebotenen Möglichkeiten mitzufließen und schon könne man sich seine Identität aussuchen. Hier ist die Realität so plastisch gemacht geworden, dass die Betroffenen die Bedingungen ihrer Existenz nicht mehr erkennen und anerkennen.

Ein algorithmisches Gesellschaftsdesign

Auch die Vorstellung, man könne die Probleme der „geschlechtlichen Identität“ durch eine aktive Intervention (Operation, amtliche Selbstbestimmung) zügig abschaffen, anstatt sich ein Leben lang mühsam damit auseinandersetzen zu müssen, ist von der digital-antizipativen Ideologie geprägt. Durch sie ist nämlich ein ganz neuer Typ von Bedürfnissen entstanden. Die Informatik als „Kunst der strengsten Unterscheidung“ reagiert nur auf kleinteilige Absichten. Wo also die Informatik zur herrschenden Ideologie und Lebenspraxis wird, werden Absichten auf Kosten des Willens entwickelt. Der menschliche Wille bezieht sich, anders als eine Absicht, auf Langfristziele. Ihm zu folgen – die große Liebe finden und eine Familie gründen, die Familie ernähren und beruflich aufsteigen, seine Talente oder Spiritualität entwickeln zu wollen – impliziert Unentschiedenheit und tastende Versuche, deren Effizienz nicht im Vorhinein erwiesen ist.

Intentionen und Absichten dagegen beziehen sich auf gut überschaubare, praktische Ziele. „Man äußert nicht den Willen, am Nachmittag zum Supermarkt zu gehen, sondern die Absicht dazu“. So sind durch die digitale Antizipation immer spezifischere Wünsche entstanden, bis hin zu oberflächlichen Eitelkeiten. Obwohl sie verzichtbar sind, werden sie doch zur herrschenden Handlungsnorm, weil sie es sind, die ohne Zögern, Anstrengung und Hindernisse jederzeit schnellstens erfüllt werden. Alle individuellen und gesellschaftlichen Bereiche – bis in Medizin, Justiz, Politik und Wissenschaft hinein – werden mittlerweile nach diesem Muster der kurzsichtigen, aber drängenden Bedürfnisse strukturiert. Ein „algorithmisches Design der Gesellschaft“ ist entstanden.

Doch eine solche „Intelligenz“ löst keine Probleme. Sie befriedigt tyrannische Launen, eitle Wünsche und irrationale Ängste, die sie selbst erzeugt und der Gesellschaft und den Individuen aufzwingt. Wie Gefängnisinsassen lassen sie sich in eine automatisch organisierte Realität einsperren. Und nur weil sich dieses Gefängnis nicht anfühlt wie eines aus Stahltüren, wähnen sie sich im Gefühl der Freiheit und Selbstverwirklichung. So ist eine unverstandene, aber hochwirksame asymmetrische Machtbeziehung entstanden.

Die antizipative Gesellschaft ist demnach in all ihren Bereichen und Institutionen durch folgende Züge zusammenfassend charakterisiert: Sie ist besessen vom Entschlüsseln geheimnisvoller, tatsächlich bloß virtueller, aber angeblich hochrelevanter Gefahren und Chancen (ob individuell, ob kollektiv). Sie setzt sich unter einen permanenten Handlungsdruck und ignoriert ihre Gegenwart, denn in ihr herrscht der normative Imperativ, sich in allen Belangen nach vorne in die nahe Zukunft zu versetzen. Dadurch hat sie auch den Überblick über die Interessenlage – Wem nützt es, wem schadet es? – verloren. Gleichzeitig ist die antizipative Gesellschaft eine interventionistische Gesellschaft, die schnell bereit ist, auf Versprechen und Drohungen – mögen sie sachlich noch so unangemessen sein – mit radikalen Eingriffen zu reagieren.

Diese Eingriffe sind immer auf Personen gerichtet. Wer einen Diebstahl verhindern will, muss dem gemutmaßten Dieb zuvorkommen. Der muss dessen Absichten und persönliche Handlungsfreiheit aufs Schärfste durchkreuzen. Die antizipative Gesellschaft macht daher die gegenseitige Verdächtigung zu ihrer wichtigsten Grundlage, nicht die Mühe differenzierten gegenseitigen Verstehens. Und wo soziale Interaktion und Kooperation gefragt wären, da herrschen Überwältigungstechniken und gegenseitige Übergriffe auf der Grundlage hysterischer Versprechen und Drohungen. Wünsche und Ängste vorherzusagen, heißt ja nichts anderes, als sie anzuheizen und Menschen gegeneinander aufzureizen. Die antizipative Gesellschaft bedeutet deshalb den täglichen Präventivkrieg aller gegen alle.

Meinungspostings statt politischer Organisation

Diese Richtung der Gesellschaftskritik setzte Sadin im Jahr 2020 fort. Die Hauptthese über Das tyrannische Individuum (L'Ère de l'Individu tyran. La Fin d'un Monde commun. Grasset 2020) heißt: Menschen sind durch den (zuerst beruflichen) Zwang zur KI so diszipliniert, automatisiert und in ihrer Selbstachtung verstümmelt worden, dass sie das Versprechen völlig unkritisch annehmen, sich mit denselben Medien dafür rächen zu können, indem sie – besonders auf Social Media – ihre Meinung ungehemmt in der Öffentlichkeit äußern.

Ein dialogischer Austausch ist dabei unmöglich. Durch „Daumen hoch/Daumen runter“ bei Facebook und Twitter ist eine immaterielle „Ökonomie des Like“ entstanden, die jedem, der die eigene Reputation am Bildschirm strategisch zu steigern vermag, einen neuen sozialen Rang verschafft. Sie habe bewirkt, dass das Konkurrenzverhalten zum Paradigma der sozialen Interaktion schlechthin geworden ist. Eigentlich gehöre es ins neoliberale Management. Auf Social Media aber wirkt diese neue Form des Sozialdarwinismus spielerisch, unschuldig, cool – wie ein Abenteuer im Feriencamp. Menschen retten sich damit in die Fiktion, selbst die wichtigsten Akteure im eigenen Leben zu sein, die Realität nach ihren Ansprüchen zu gestalten und den politisch-gesellschaftlichen Einfluss zu nehmen, der ihnen tatsächlich systematisch verweigert wird. Im Ergebnis werden Individuum und Gesellschaft entpolitisiert. Statt dass man sich politisch organisiert, werden ununterbrochen Meinungen gepostet.

„Tyrannisch“ ist also das Individuum, das in dem Wahn lebt, mit den digitalen Technologien Andere unterwerfen zu können, das aber selbst von den Technologien unterworfen, mobilisiert und sediert wird. Sadin denkt an „Verschwörungstheoretiker“ und „Populisten“, an die Gilets Jaunes und an Didier Raoult, der sich damals als Leiter des Institut IHU Méditerranée Infection in Marseille für Hydroxychloroquin zur COVID-Behandlung einsetzte. Sie alle hätten eine heimliche Freude daran, gegen die allgemeine Lehre zu sein und bis in die eigene Familie hinein Ängste und Leid zu schüren. Sadin sieht in dieser Polemik aus dem antizipativ aufgereizten Corona-Jahr 2020 nicht, dass Politiker aller Parteien, Polizisten, Richter, Lehrer und Journalisten denselben Bedingungen der digitalisierten Gesellschaft unterliegen und sich dabei ihrerseits zu tyrannischen Individuen mit Allmachtsphantasien entwickeln, dass sie ihre Ämter und Funktionen nicht mehr ernst nehmen oder sogar rechtliche und sachliche Entscheidungsgrundlagen ignorieren.

Dabei hatte er schon zuvor – dieses Mal weniger gesellschafts- als erkenntniskritisch – den allgemein grassierenden Verzicht auf Wahrheitssuche beklagt: Die Künstliche Intelligenz bedeute, mit Anspielung auf einen Titel von Jacques Ellul, die Herausforderung des Jahrhunderts (L'Intelligence artificielle ou l'Enjeu du Siècle. L'Échappée 2018). Denn im Zuge ihrer fortschreitenden Selbstvermehrung (auto-croissance) durch Big Data, Data Mining und Deep Learning werde ihr mehr und mehr die Berufung übertragen, in allem die Wahrheit zu sagen. Sich selbst erachten die User als zu dumm dafür. Empirische, logische oder wissenschaftliche Methoden des Prüfens, die in der Tradition der Aufklärung stehen, werden nicht mehr bemüht. Bis in die geisteswissenschaftlichen Institute und die Rechtsprechung hinein regiert die Ideologie, wer nur die KI „beherrscht“ oder denen vertraut, die das tun, der dürfe sich ohne den geringsten Zweifel, mit der größten Autorität zu jedem beliebigen Thema unwidersprochen äußern.

Sadin meint (mit Bezug auf Nietzsche und Foucault), die Algorithmen mögen – der Abrichtung auf ihre Zwecke entsprechend – exakt sein. Doch die Wahrheit zu sagen ist etwas grundsätzlich anderes, als solche exakten Daten zu liefern: Nur mit (dem Anspruch auf) Wahrheit wird Macht ausgeübt – und diese Macht ist den Algorithmen blind überantwortet worden. Sadin nennt sie, mit einem altgriechischen Wort, „algorithmische Aletheia“: Das antizipative Enthüllen einer verborgenen Wirklichkeit jenseits der menschlichen Erkenntnisvermögen ist zur einzig anerkannten Wahrheits- und Herrschaftspraxis geworden.

Digitale Geisterbeschwörung

Unter den neuen Bedingungen der generativen KI führt diese Delegation von Macht und Wahrheit an die digitalen Geräte die Gesellschaft in ein regelrechtes Gespensterleben. Die animistische Metaphorik im gleichlautenden Buch (La Vie spectrale. Penser l'Ère du Métavers et de IA génératives. Grasset 2023) hatte Sadin zwar 2009 schon verwendet. Doch nun verbildlicht sie eine neue Stufe der menschlichen Entfremdung. Die guten Geister, die anstelle von Menschen das Denken und Entscheiden (das Interpretieren und Intervenieren) übernommen haben, haben sich in Beruf und Alltag an ihre Benutzer angeschmiegt, um ihnen in jeder Lebenslage die optimale Entscheidung nahezulegen. Zum streichelzarten Touchscreen von Tablet und IPhone kamen 2016 noch Chatbots mit (weiblicher) Schmusestimme hinzu, die – wie IBM 2020 versprach – im „Dialog“ mit dem Bediener nicht nur dessen Sprache verstehen, sondern auch dessen zentrale Absicht, so dass sie mit vollendetem Service reagieren. Eine Armee von aufmerksam zuvorkommenden Gespenstern ist entstanden, die die User ununterbrochen animieren und durch ihr Leben navigieren.

Zur neuen Stufe der Entfremdung gehört die „Ethik des care“: Anonym, unpersönlich und gespenstisch regiert wird mit vorgeblich vorausschauenden Fürsorge-Versprechen, deren Voraussetzung immer häufiger die Angsterzeugung durch Weissagung dringendster Gefahren ist. So werden letzte Reste von Widerstand gebrochen. Inbegriff des Gespensterlebens ist für Sadin der Transhumanismus, der nicht nur verspricht, man könne über Deadbots mit den Toten sprechen, sondern auch, den menschlichen Tod überhaupt abzuschaffen. Während sich die digitalen Versprechen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch auf Möglichkeiten bezogen, die man sich als realisierbar vorstellt, herrscht seit 2010 das „Zeitalter des Unmöglichen“. Keine Idee ist zu verrückt, um sie sich nicht trotzdem als möglich und realisierbar vorzustellen.

Von Presse und Politik wird diese digitale Geisterbeschwörung distanzlos vorangetrieben. Dabei verstehen nicht einmal die Programmierer mehr, wie die selbstlernende KI neue Daten in ihre gespeicherten Skripts selbständig integriert. Sie verstehen die „Grammatik“ der Programme nicht, und erst recht nicht die Entscheidungen, die die Maschine trifft. Experimente haben gezeigt, dass zwei Chatbots, die man sich miteinander unterhalten lässt, in Sekundenschnelle eine natürlich wirkende Pseudo-Sprache entwickeln, die kein Mensch versteht. Trotzdem verlassen sich sogar die Digitalexperten darauf, dass die selbstlernende KI schon irgendwie das Richtige für die irdische Welt nicht nur berechnet, sondern auch gleich veranlasst.

Gleichrichtung der Gesellschaft

Shoshana Zuboff hatte gemeint, Konformität, Gehorsam und Entmündigung seien ein Nebenprodukt der Arroganz und Unwissenheit, mit der die Digitalisierung allgemein behandelt wird. Sadin dagegen versteht Konformismus und vorauseilenden Gehorsam im Sinne der fluiden Gesellschaftsorganisation als Ziel des Digitalisierungsprojekts. Die digitalen Geister vibrieren, läuten, leuchten auf und bewirken – selbst durch primitivste Signale – passgenaue Reaktionen. Wie durch unsichtbare Hand bewirken sie eine automatisierte, universelle, fast militärische Gleichrichtung der Gesellschaft. Sie gerät in einen Zustand des allgemeinen Mitläufertums (suivisme) und in ein „Regime der Konformität“ – nicht nur im ideologischen Denken, sondern in vollkommen angepasstem Handeln.

In diesem Oktober folgt nun Éric Sadins neues Buch über die generative KI. Der Titel weist die Richtung als Kritik an der Wüste in uns selbst (Le désert de nous-mêmes). Ob sich wohl für dieses erneut unbequeme Buch ein deutscher Verleger finden wird?

Über die Autorin: Katja Leyhausen, Jahrgang 1971, Germanistin/Romanistin, hat unter ihrem vollständigen Namen Katja Leyhausen-Seibert in der germanistischen Sprachwissenschaft promoviert und in verschiedenen Vertragsverhältnissen als Hochschuldozentin gearbeitet, zuletzt 2022. Sie forscht institutionell unabhängig und publiziert im Bereich der germanistischen Sprachgeschichte, Sprachkritik sowie satzsemantischen Text- und Diskursanalyse. Politisch publizistisch ist sie als Katja Leyhausen u.a. auf 1bis19.de aktiv.

Weitere Artikel zum Thema:

GÜNTER HENNEKE-KIENITZ, 12. September 2025, 15:35 UHR

Sehr interessanter Philosoph, sehr interessanter Text, wenn auch für mich schwierig zu verstehen. Im Blog der Autorin gibt es zwei weitere Artikel (Widerstand gegen die KI, 1 & 2) zu Sadin, die sich lohnen!
https://1bis19.de/author/kale/

MATTHIAS BARON, 17. September 2025, 10:40 UHR

Was als harmloser Homecomputer vor gut 40 Jahren begann... Das Erschreckende ist, daß die beschriebene, desaströse Entwicklung von den Menschen selbst freiwillig vorangetrieben wird. Die 'Digitalisierung' erfordert viel Programmierung. Intellektuelles Potential, das an anderen Stellen fehlt. Technikhistorisch betrachtet waren die Halbleiter das letzte wirklich Neue.

Das Internet ist eine praktische Sache. Selbst Chat GPT kann konkrete Probleme lösen. Ein konkretes Beispiel: Vor einiger Zeit sah ich den bemerkenswerten Film Badlands. In einer Szene spricht Martin Sheen in eine Art Telefonhörer und bekommt am Ende eine kleine Schallplatte. Ich konnte nicht rausfinden, was das für ein Apparat war. Chat GPT hatte sofort die Lösung. Voice O Graph. Ein Service, den es in den USA bis in die frühen 60er gab. Kein Vorteil ohne Nachteil. Das Lexikon in der Tasche, aber auch die Funkwanze.

Betrachtet man die 'EU Chatkontrolle', wird klar, woher der Wind weht. Man will den auf Bedarf gläsernen Bürger. Keiner soll sich trauen aufzumucken. Insofern würde ich der Sicht des französischen Philosophen zustimmen. Die digitale Welt hat die COVID-Krise katalysiert – und katalysiert auch andere problematische Entwicklungen. Entscheidender Punkt ist, daß die Menschen sich lieber mit ihrem Telefon als miteinander beschäftigen. Das wirft fundamentale Fragen auf.

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