Sergej Karaganow im Juni 2024 beim St. Petersburg International Economic Forum | Bild: picture alliance/dpa/TASS / Alexander Kazakov

„Sollte es zu einem großen Krieg kommen, wird Europa einfach aufhören zu existieren“

Der russische Politikwissenschaftler und Historiker Sergej Karaganow ist seit Jahrzehnten als Berater der politischen Elite Russlands tätig und sitzt in einflussreichen außen- und wirtschaftspolitischen Gremien. Multipolar sprach mit ihm über die Gefahr eines Atomkriegs, seine Meinung über europäische Staatsführer sowie über seine Vorschläge für eine Abkehr Russlands vom Westen und eine stärkere Fokussierung auf Sibirien. Karaganows Aussagen sind durchaus kriegerisch und radikal, werden ihm zufolge jedoch von 95 Prozent der militärischen und politischen Führungsschicht Russlands geteilt. Multipolar publiziert das Interview, um Öffentlichkeit über das Denken dieser relevanten öffentlichen Person und der entsprechenden Fraktion der russischen Elite herzustellen, die die Haltung Wladimir Putins gegenüber dem Westen für zu gemäßigt hält. Karaganows Aussagen verdeutlichen zudem, unter welchem innenpolitischen Druck Putin steht und welche Art Entscheider ihm dereinst in Moskau nachfolgen könnte. Das Gespräch führte Éva Péli am 30. Oktober in Moskau.

ÉVA PÉLI, 14. November 2025, 12 Kommentare, PDF

Multipolar: Sergej Alexandrowitsch, wie hoch schätzen Sie die derzeitige Gefahr eines Atomkrieges ein und welche Faktoren – militärische, politische, psychologische – sehen Sie als Hauptursachen dafür?

Karaganow: Die Gefahr eines Atomkrieges ist hoch und nimmt weiter zu. Sie ist wahrscheinlich so hoch wie Ende der 1950er Jahre – mit Ausnahme der Karibik-Krise, wie wir die Kuba-Krise nennen, als wir kurz vor dem Abgrund standen. Warum? Es gibt mehrere Gründe für diese Eskalation. Erstens die Veränderung des Kräfteverhältnisses: Die schnellste Veränderung des Kräfteverhältnisses in der Geschichte der Menschheit, bei der neue Mächte aufsteigen und alte Mächte ins Hintertreffen geraten. Zweitens der Verlust des grundlegenden Verständnisses: Der Verlust des Verständnisses dafür, was in den internationalen Beziehungen „gut” und was „schlecht” ist, sowie das Fehlen einer moralischen Grundlage für das Handeln. Drittens der Gegenangriff des Westens: Der verzweifelte Gegenangriff des Westens, der seine 500-jährige Vorherrschaft verliert, die es ihm ermöglichte, auf Kosten der übrigen Welt reich zu werden. Viertens die Degradierung der Elite: Die ungeheure intellektuelle und moralische Degradierung der Elite, insbesondere im Westen. Deshalb bin ich sehr besorgt.

Multipolar: Sie fordern die Wiederherstellung der Angst vor Atomwaffen. Wie definieren Sie in der Praxis ein „begrenztes Ziel” in Europa, dessen Angriff Ihrer Meinung nach gerechtfertigt wäre, ohne jedoch eine nukleare Reaktion der Nato zu provozieren?

Karaganow: Wir müssen den strategischen Parasitismus überwinden, der sich in den letzten Jahren gebildet und allen voran die europäische Bevölkerung erfasst hat. Sie hat die Angst vor dem Krieg, insbesondere vor einem Atomkrieg, verloren. Ironischerweise war gerade diese Angst in den letzten 70 Jahren ein stabilisierender Faktor. Europa, das historisch gesehen eine Quelle großer Konflikte, von Rassismus und Kolonialismus war, konnte dank der bipolaren Stabilität zwischen den USA und der UdSSR vorübergehend seine Verantwortung und seine Schuld gegenüber der Welt vergessen. Jetzt, da die größte Bedrohung von Europa ausgeht, muss man sich daran erinnern, dass Europa historisch gesehen an großen Kriegen beteiligt war. Es bedarf nicht unbedingt direkter Gewalt, sondern der Wiederherstellung der Angst vor Krieg, einschließlich der Wiederbelebung der Angst vor einem Atomkrieg. Dies ist ein Schlüsselelement, um Europa wieder zu seiner geopolitischen Verantwortung zu führen.

Multipolar: Der US-Physiker Theodore Postol warnt, gestützt auf historische Präzedenzfälle wie das Nato-Manöver Able Archer 83, dass jeder, selbst ursprünglich begrenzte Einsatz von Atomwaffen unweigerlich zu einer unkontrollierbaren nuklearen Eskalation führen würde. Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass ein von Russland beabsichtigter, begrenzter Atomschlag dennoch außer Kontrolle gerät?

Karaganow: Der Einsatz von Atomwaffen ist eine schwere moralische Sünde. Der Mythos der unkontrollierbaren Eskalation, zu dessen Entstehung ich selbst teilweise beigetragen habe, um Kriege zu verhindern, ist jedoch nur eine Legende. Ein Atomkrieg kann gewonnen werden, aber Gott bewahre, dass er jemals begonnen wird! Wenn es absolut notwendig ist, kann das Atomwaffenarsenal eingesetzt werden, aber abgesehen vom Risiko einer unkontrollierten Eskalation ist der Einsatz von Atomwaffen an sich ein schwerwiegendes moralisches Vergehen, und ich wünsche mir aufrichtig, dass sie nicht zum Einsatz kommen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow neben Sergej Karaganow, Mai 2024 | Bild: picture alliance/dpa/TASS / Vladimir Gerdo

Multipolar: Ihre jüngsten Thesen wurden im Westen in erster Linie als direkte nukleare Drohung interpretiert und nicht als strategisches Signal für eine erzwungene Deeskalation oder einen Dialog. Angesichts der darauffolgenden Verweigerung der Kommunikation seitens der derzeitigen westlichen Regierenden: Welche konkreten Schritte und Maßnahmen halten Sie für notwendig, um die Kluft zwischen Ihrer angestrebten „Katharsis” des Westens und der tatsächlichen politischen Reaktion der „geschlossenen Türen” zu überwinden? Was genau soll die Überzeugungskraft und Wirksamkeit Ihres strategischen Vorhabens beweisen?

Karaganow: Wir haben es, vor allem in Europa, mit absolut Wahnsinnigen zu tun. Die europäische Elite, in deren Kreisen ich aufgewachsen bin und die nun der Vergangenheit angehört, ist degeneriert. Soweit ich das verstehe, regieren in einer Reihe von Ländern Menschen mit „Hyänengehirnen”, die sich der Folgen ihres Handelns überhaupt nicht bewusst sind. Deshalb ist ein Dialog mit ihnen sinnlos. Sie müssen nur eines fürchten – körperliche Schmerzen. Wir können jedoch mit den US-Amerikanern verhandeln, die einen Großteil ihres menschlichen Potenzials und ihres Verständnisses dafür, was Krieg wirklich bedeutet, bewahrt haben. Ich hoffe jedoch, dass es auch in Europa noch solche vernünftigen Menschen gibt. Ich sehe sie nur nicht mehr.

Multipolar: Welche konkreten politischen, fachlichen, militärischen oder zivilen Gruppierungen im Westen – abgesehen von den derzeit Regierenden – würden Sie als diejenigen hervorheben, die Ihre Drohungen tatsächlich als letzten Anstoß für den notwendigen Dialog zur Verhinderung einer globalen Katastrophe und zur Neugestaltung der Sicherheitsarchitektur auffassen und sich aktiv an diesem Prozess beteiligen würden?

Karaganow: Diese Frage ist nicht an mich, sondern an Sie gerichtet. Sie kommen aus dem Westen, ich bin hier in Moskau. Der Westen hat sich von uns abgeschnitten. Insbesondere Europa, um seine Bevölkerung auf den Krieg vorzubereiten. Wir haben derzeit keine Kanäle für die Zusammenarbeit mit dem Westen, außer den offiziellen auf höchster Ebene. Der Westen hat sich selbst von uns abgeschnitten. Deshalb sind wir gezwungen, mit ihm nur aus einer Position der Stärke heraus zu verhandeln. Obwohl wir uns natürlich wünschen würden, dass es dort weiterhin vernünftige Menschen gibt, mit denen ein konstruktiver Dialog möglich wäre.

Karaganow im Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, Juni 2024 | Bild: picture alliance/dpa/TASS / Alexander Kazakov

Multipolar: Viele Beobachter sind der Meinung, dass die westlichen Sanktionen und die militärische Hilfe eine Eskalationsdynamik erzeugen, die Russland in eine Zwangslage bringt. Moskau steht also vor der Wahl: entweder seine wirksame Fähigkeit zur Abschreckung unter Beweis zu stellen oder zu riskieren, langsam ausgelaugt zu werden. Wie sehen Sie dieses strategische Dilemma?

Karaganow: Dieses Dilemma besteht. Ich kritisiere unsere Führung für ihre Unentschlossenheit, aber ich denke, dass meine Worte Gehör finden werden. Ich bin der Meinung, dass wir, wenn gegen uns ein Wirtschaftskrieg geführt wird, darauf mit militärischen Mitteln reagieren müssen. Es ist Krieg. Deshalb muss auf Sanktionen mit Militärschlägen reagiert werden. Das Ausmaß und die Art dieser Vergeltungsschläge müssen in jedem Einzelfall sorgfältig abgewogen werden. Die Beschlagnahmung russischer Vermögenswerte in Milliardenhöhe ist nichts anderes als Raub und Banditentum. Dafür müssen in Europa bis zu einer Million Menschen ihr Leben riskieren. Andernfalls werden sie vernichtende Schläge erleiden. Ich halte dies für einen richtigen und unvermeidlichen Schritt, obwohl ich aufrichtig hoffe, dass es nicht so weit kommen wird. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ein solches Szenario eine große Sünde ist, die mit dem Tod unzähliger unschuldiger Menschen verbunden ist, und ich wünsche mir, dass es nur eine Warnung bleibt. Wir müssen dem Westen ein hartes Ultimatum stellen und Folgendes fordern: Erstens: Die sofortige Einstellung jeglicher militärischer Unterstützung des Konflikts in der Ukraine. Zweitens: Die vollständige und bedingungslose Rückgabe unserer souveränen Mittel.

Multipolar: Die EU hat das 19. Sanktionspaket verabschiedet und Präsident Trump hat neue US-Sanktionen gegen russische Unternehmen wie Rosneft und Lukoil angekündigt. Laut Seymour Hersh glauben US-Beamte, dass die russische Wirtschaft bereits stark geschwächt ist und endgültig „in die Knie gezwungen“ werden kann. Wie wird die Wirksamkeit dieser jüngsten Sanktionen in Moskau eingeschätzt?

Karaganow: Die russische Wirtschaft kann nicht in die Knie gezwungen werden. Wir leben sehr gut. Sie wissen es selbst, da Sie sich in Moskau befinden, einer der schönsten Städte der Welt. Ich bin gerade aus Sibirien zurückgekommen. Dort ist es so schön. Aber auf solche Erpressungsversuche müssen wir endlich mit militärischen Mitteln reagieren. Das Schlüsselelement unserer Antwort muss das Konzept der Asymmetrie sein. Die Verwundbarkeit der ausländischen Vermögenswerte der USA ist um ein Vielfaches höher als unsere. Wir müssen bereit sein für direkte, harte Gespräche, die in eine Phase der Zerstörung des angesammelten Kapitals des Gegners als Reaktion auf die Sanktionen übergehen.

Multipolar: In der russischen Gesellschaft gibt es offenbar Stimmen, die von Moskau eine härtere Reaktion auf die Politik des Westens erwarten. Wie beurteilen Sie das, und wie könnte eine solche mögliche Reaktion aussehen, um den Krieg nicht über die Grenzen der Ukraine hinaus auszuweiten?

Karaganow: Was vor einigen Jahren noch radikal erschien – die Notwendigkeit von Präventivschlägen oder sogar nuklearer Vergeltung – ist heute die vorherrschende Meinung. Meine früheren Äußerungen, die Unbehagen hervorgerufen haben, spiegeln nun einen breiten Konsens wider: Nach meiner Einschätzung teilen bis zu 90 Prozent der Bevölkerung und 95 Prozent der militärisch-politischen Elite diese Meinung. Ich kann mich nicht genug wiederholen: Der Einsatz von Atomwaffen bleibt eine schwerwiegende moralische Entscheidung und eine große Sünde gegenüber Unschuldigen. Wenn jedoch eine extreme Notlage eintritt, besteht das Ziel eines solchen Schrittes darin, die Wahnsinnigen zur Vernunft zu bringen und den Feind dazu zu zwingen, die Eskalation zu beenden. Daher bin ich überzeugt, dass die russische Gesellschaft im Falle einer tatsächlichen Notwendigkeit solche strategischen Entscheidungen uneingeschränkt und vollständig unterstützen wird. Darüber hinaus werde ich täglich mit Kritik von Bürgern konfrontiert. Sie werfen mir mangelnde Beharrlichkeit und Inkonsequenz vor: Trotz meiner öffentlichen Erklärung, dass der Einsatz des Atomwaffenarsenals notwendig sei, habe ich angeblich nicht erreicht, dass die Führung es aktiviert. Ich möchte betonen: Ich möchte nicht, dass unsere Führung es einsetzt.

Vor 20 Jahren: Putin und Karaganow, damals Vorsitzender des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, im September 2005 | Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb / Sergei_Zhukov

Multipolar: Wie könnte eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur nach Beendigung des Ukraine-Krieges gestaltet werden, die Russlands Sicherheitsinteressen integriert und so künftige militärische Konfrontationen ausschließt?

Karaganow: Ich gehe davon aus, dass es keine europäische Sicherheitsordnung mehr geben wird. Sollte überhaupt die Notwendigkeit für eine solche Struktur entstehen – was ich bezweifle –, so wird diese einen gemeinsamen eurasischen Charakter tragen müssen. Was den engen europäischen Rahmen betrifft, so halte ich es für zwingend erforderlich, für die verbleibenden Territorien der Ukraine eine vollständige demilitarisierte Zone zu etablieren, idealerweise mit einer Flugverbotszone. Die militärische Aktivität in Russlands Grenzregionen muss gesenkt werden, und eine reziproke Deeskalation wäre erforderlich. Unsere finnischen Nachbarn betreffend: Es liegt in unserem Interesse, dass sie im Kriegsfall eliminiert werden. Sie wären daher gut beraten, ihre militärische Präsenz auf ihrem Staatsgebiet drastisch zu reduzieren. Wir mögen irgendwann eine Übereinkunft erzielen, doch das europäische Sicherheitssystem hat aufgehört zu existieren. Es ist mit Europa dahingeschieden. Europa ist im Niedergang begriffen, und wir haben keinerlei Bedarf mehr an einer europäischen Sicherheitsstruktur. Unsere Überlegungen bewegen sich im Rahmen einer eurasischen Ordnung. Europa ist lediglich ein unangenehmer, westlicher Auswuchs Eurasiens.

Multipolar: Wie genau stellen Sie sich die Einbindung Europas in das geplante eurasische Sicherheits- und Ordnungssystem vor?

Karaganow: Einige europäische Länder sollten in das neue russische Kooperations- und Sicherheitssystem aufgenommen werden. Ich bin fast sicher, dass nach Überwindung der derzeitigen schwierigen Phase ein Großteil der Länder Mittel- und Südeuropas der gemeinsamen eurasischen Sicherheitsarchitektur beitreten wird. Ich bin mir nicht sicher, ob Deutschland und die Länder Nordwesteuropas jemals beitreten können. Obwohl, warum nicht? Vielleicht werden sie es sich irgendwann anders überlegen.

Multipolar: Im Westen heißt es, der russische Präsident sei nicht zu Verhandlungen bereit, weshalb Druck ausgeübt werden müsse, in Form von Sanktionen und Waffenlieferungen. Wladimir Putin hat jedoch wiederholt bekundet, verhandlungsbereit zu sein. Wie beurteilen Sie diesen Widerspruch?

Karaganow: Unsere konstruktiven Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit dem Westen sind vollständig ausgeschöpft. Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin hat alles getan, um den Dialog aufrechtzuerhalten. Jetzt besteht unsere einzige Aufgabe darin, bei unseren westlichen Partnern die animalische, instinktive Angst vor dem unvermeidlichen Untergang wieder zu wecken. Nur dieses Gefühl kann die Grundlage für weitere Gespräche bilden. Wir erinnern uns sehr gut daran, was europäische Aggression bedeutet: Wir erinnern uns an die Invasion der Armee Napoleons, die sich aus 24 europäischen Sprachen zusammensetzte. Wir erinnern uns an die Gräueltaten der europäischen Interventen während des Bürgerkriegs nach dem Ersten Weltkrieg. Wir erinnern uns daran, dass fast ganz Europa, mit Ausnahme von Griechenland und Jugoslawien, im Großen Vaterländischen Krieg unter Hitlers Fahnen gegen uns gekämpft hat. Dieser Geschichte muss ein Ende gesetzt werden. Wir sind verpflichtet, Europa von seiner abscheulichen Gewohnheit, Kriege zu führen, abzubringen.

Multipolar: Sergej Alexandrowitsch, Sie bestehen darauf, dass Russland „in Europa wieder eine animalische Angst” schüren muss, um es zum Frieden zu zwingen. Eine solche Rhetorik, die Überlegungen zu einer möglichen „letzten Aktion” unter Einsatz von Atomwaffen beinhaltet, stößt im Westen jedoch auf äußerst negative Resonanz. Wie beurteilen Sie diese Situation: Führt Ihre Strategie, die darauf abzielt, Angst zu schüren, nicht zu einer kritischen und unkontrollierbaren Eskalation, anstatt den Westen dazu zu zwingen, „zur Vernunft zu kommen”?

Karaganow: Russland braucht absolut nichts vom Westen. Wir sind weder an einem Quadratmeter seines Territoriums noch an irgendwelchen Ressourcen interessiert. Wir fordern und wünschen nur eines: dass der Westen scheitert. Der Westen ist, wie immer in der Geschichte, eine Quelle moralischer, politischer, wirtschaftlicher und militärischer Bedrohung. Heute hat diese Bedrohung vielleicht ihre konzentrierteste und akuteste Form angenommen. Ich wiederhole: Meine Aufgabe besteht darin, Russland vollständig von dieser westlichen Seuche zu trennen – sei es militärisch, politisch oder moralisch.

Multipolar: Wann und wie wird Ihrer Meinung nach der Krieg in der Ukraine enden? Wie sehen Sie das Endziel Russlands in diesem Krieg?

Karaganow: Ein Teil des Gebiets, das früher Ukraine hieß, wird Teil der Russischen Föderation werden. Auf dem verbleibenden Gebiet muss eine absolut denazifizierte, entmilitarisierte Zone eingerichtet werden. Die Kontrolle über diese Zone erfordert ein neutrales Friedenstruppenkontingent, für das es sinnvoll ist, ausschließlich Kräfte aus asiatischen oder afrikanischen Ländern heranzuziehen. Grundlegende Bedingung: Europäische Kräfte sind kategorisch ausgeschlossen, da ihre Anwesenheit eine direkte Gefahr darstellt und unweigerlich zur Fortsetzung des Konflikts führt. Diese Zone muss frei von schweren Waffen sein. Außerdem ist eine Flugverbotszone erforderlich, damit keine Drohnen von dort aus fliegen können. Unser Ziel ist es, die Hysterie um die Nato-Erweiterung zu beseitigen und einen Puffer zwischen dem aufstrebenden Russland und dem zerfallenden Europa zu schaffen. Wir müssen die Ursachen dieses Krieges beseitigen. Das bedeutet, dass die Hysterie um die Nato-Erweiterung gestoppt werden muss. Ich fordere nicht den sofortigen Zerfall der Nato – obwohl ich hoffe, dass dies von selbst geschehen wird. Infolgedessen wird ein kleiner Teil der Ukraine Teil Russlands werden, während der Rest als Pufferzone dienen wird – als Sicherheitspolster, das das aufstrebende Russland strategisch vom kriegführenden und unweigerlich zerfallenden Europa trennt.

Multipolar: Sie sprechen oft von Russland als einer besonderen, „gottesfürchtigen” Zivilisation, deren Mission es ist, echte Werte vor dem „westlichen Konsumkult” zu schützen. Wenn man jedoch der Logik der zivilisatorischen Entwicklung folgt, ist dann nicht der spirituelle und moralische Aspekt des Kampfes bereits verloren, wenn man militärische Gewalt anwenden muss?

Karaganow: Wir verkünden, dass Geist, Ehre und Gewissen die höchsten und unveränderlichen Werte unserer Gesellschaft sein müssen. Was die Anwendung von Gewalt angeht, so ist sie in bestimmten Fällen zweifellos notwendig. Wenn wir es mit einem Geschöpf Satans zu tun haben, müssen wir gegen Satan Krieg führen. Und das heutige Europa in seiner gegenwärtigen Form ist eine Schöpfung des Satans, und dies ist ein heiliger Krieg.

Multipolar: Sie rufen zu einer Stärkung der eurasischen Ausrichtung Russlands auf und bezeichnen den Eurozentrismus vieler Russen als „rückständig”. Was bedeutet das konkret für die kulturelle, wirtschaftliche und politische Identität Russlands in der Zukunft?

Karaganow: Wir streben in die Zukunft, ausgehend von unserer wahren Natur: Russland ist ein eurasisches Land. Unsere „europäische Reise”, die drei Jahrhunderte gedauert hat, war übermäßig lang; sie hätte bereits an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beendet werden müssen. Unser geistiges Erbe kam aus dem Süden: Von dort kamen das Christentum, der Islam, das Judentum und der Buddhismus. Unsere politische Kultur wurde weitgehend vom Großen Mongolischen Reich – der Horde – übernommen. Peter I., der die Rückständigkeit nach der mongolischen Periode überwinden wollte, brachte uns Militärtechnik und Wissenschaft aus Europa. Wir bewahren diese europäischen Errungenschaften in uns und werden auf keinen Fall anti-europäisch sein. Im Gegenteil, wir werden zu echten Europäern, da das heutige Europa alle Grundwerte ablehnt, die es einst zum Vorreiter der menschlichen Zivilisation gemacht haben. So bewahren wir das, was sie ablehnen.

Multipolar: Sie schlagen eine massive Entwicklung Sibiriens vor und betonen die Notwendigkeit, die Region mit Millionen von Menschen zu besiedeln. Wie realistisch ist es angesichts der demografischen Herausforderungen Russlands, die Bevölkerung in dieser Region in dem erforderlichen Umfang zu vergrößern?

Karaganow: Wir führen ernsthafte und umfangreiche Programmarbeiten durch, an denen Tausende von Menschen beteiligt sind. Wir müssen die demografischen oder wirtschaftlichen Indikatoren Sibiriens nicht mit denen des europäischen Teils Russlands gleichsetzen, da die Sibirier im Durchschnitt effizienter sind. Außerdem gibt es heute modernste Technologien. Die Hauptaufgabe, an der wir arbeiten, besteht darin, Sibirien modern, interessant und attraktiv zu machen. Sibirien ist kein Straflager und kein rückständiger Ort, sondern das Land der Zukunft. Es ist großartig. Ich reise regelmäßig dorthin und kehre jedes Mal mit einem überwältigenden Gefühl der Erfüllung zurück. Die Zukunft liegt genau dort. Sibirien grenzt an die Regionen der Zukunft, nämlich an Asien. Unsere strategische Ausrichtung ist nicht nur nach Osten, sondern auch nach Süden gerichtet. Dank ihrer Wettbewerbsvorteile – riesige Energievorräte, Ackerland und Wasser – kann und muss Sibirien zum „Kornspeicher Asiens” werden. Wir werden dieses Potenzial zum Wohle Russlands und zum Wohle der gesamten eurasischen Menschheit nutzen.

Multipolar: Sie warnen davor, nach dem Ende des Krieges denselben Fehler wie nach dem Zweiten Weltkrieg zu wiederholen und Wiederaufbaumittel überproportional in die Ukraine zu leiten. Warum sind Sie dieser Meinung, und wohin sollten die russischen Ressourcen stattdessen vorrangig fließen?

Karaganow: Natürlich sind wir verpflichtet, die Lebensbedingungen der Menschen – einschließlich Wohnraum, Gasversorgung und anderer Infrastruktur – für diejenigen wiederherzustellen, die auf dem Gebiet der ehemaligen Ukraine bleiben. Dies gilt insbesondere für die Regionen, die Teil der Russischen Föderation sind und werden. Diese neuen Regionen müssen zu wichtigen Agrarzentren werden, die zur Entwicklung des gesamten Landes beitragen. Angesichts der sehr düsteren Zukunft Europas ist die Ukraine insgesamt jedoch für uns kein großes Zukunftsland. Wir müssen unsere strategischen Investitionen und Pläne auf vielversprechendere Regionen konzentrieren – vor allem auf Sibirien und den Ural.

Multipolar: Ich habe während meiner Zeit in Moskau von einigen gehört, dass Menschen in Russland aufgrund ihrer historischen und kulturellen Erfahrungen nach wie vor eher zum Westen als zum Osten tendieren. Wie wollen Sie angesichts dieser kulturellen Überzeugung die Skepsis überwinden und einen Großteil der Gesellschaft – insbesondere im europäischen Teil Russlands – davon überzeugen, dass die strategische Ausrichtung nach Osten, einschließlich der Investitionen in Sibirien, tatsächlich die wichtigste und einzige Alternative für die Zukunft des Landes ist?

Karaganow: Sibirien ist die Konzentration des Besten, was Russland zu bieten hat. Wir müssen uns klar darüber sein: Wir „gehen nicht nach China”, wir gehen zu uns selbst – zu unserem besten, konzentrierten Wesen. Sibirien ist die Quintessenz des russischen Charakters. Wie ein Kollege von mir sagte, ist Sibirien der Nährboden für alles Beste, was Russland zu bieten hat: Offenheit, Energie, Unternehmergeist und gesunder Kollektivismus. Genau deshalb „orientieren wir uns nicht neu”, sondern kehren einfach zu uns selbst zurück. China ist eine großartige und sehr interessante Kultur, aber sie ist uns nicht nah. Gleichzeitig ist sie für uns auch nicht gefährlich. Wir werden aktiv mit China zusammenarbeiten, freundschaftliche Beziehungen pflegen und seine Kultur studieren, aber wir werden niemals Chinesen werden. Die Chinesen selbst verlangen das übrigens auch nicht. Im Gegensatz zu China hat sich gerade die westliche Kultur in ihrer derzeitigen entarteten Form, die von transhumanen Werten durchdrungen ist, als gefährlich erwiesen. Die Westeuropäer wollten immer, dass wir „Westeuropäer” werden, aber das widerspricht dem Wesen Russlands und erniedrigt uns. Wir können und dürfen keine Westeuropäer sein. Unser Weg ist es, wir selbst zu sein.

Multipolar: Laut Ihrer These soll Russland in Zukunft demokratischer sein als viele moderne westliche Länder. Was genau meinen Sie damit? Wie lässt sich das spezifische russische Modell der zukünftigen Gesellschaft beschreiben, das sich vom westlichen, liberalen Modell unterscheiden soll?

Karaganow: Sie haben meine Ausführungen falsch interpretiert. Ich hatte nicht vor, Russland demokratischer zu machen. Zumal ich in meinen Arbeiten wiederholt erklärt habe, dass die Demokratie die schlechteste Form der Regierung komplexer Gesellschaften ist – übertroffen nur noch von der blutigen Diktatur. Die Geschichte beweist, dass Demokratien immer untergegangen sind und untergehen werden. Wir brauchen keine Demokratie in ihrer derzeitigen europäischen Form – sie ist zum Scheitern verurteilt. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen: Denken Sie an den Untergang der griechischen Republiken, die Umwandlung der römischen Republik in ein Imperium, den Übergang der italienischen Republiken zu Monarchien, den Zusammenbruch der Republiken Pskow und Nowgorod. Das gesamte sogenannte „demokratische” Europa hat sich seinerzeit kampflos Napoleon ergeben und sich unter seine Fahnen gestellt. Stattdessen brauchen wir eine effektive lokale Selbstverwaltung und das, was ich als „Führungsdemokratie” bezeichne. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um eine klassische aristokratische Republik auf höchster Ebene, ergänzt durch eine starke Demokratie vor Ort, wo die Menschen ihre lokalen Angelegenheiten selbst regeln können. Aber auf keinen Fall um eine europäische Demokratie. Ich wiederhole: Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von einer blutigen Diktatur. Ich will keine Demokratie für Russland.

Multipolar: Sergej Alexandrowitsch, Ihre Aussagen über das Ende der europäischen Ordnung und die Notwendigkeit einer „tierischen Angst” sind äußerst radikal. Wie reagieren Sie darauf, dass diese Ideen in Deutschland oft völlig ignoriert oder als inakzeptable Rhetorik abgetan werden? Glauben Sie, dass Ihre Botschaft überhaupt beim westlichen Publikum ankommt?

Karaganow: Dass unsere westlichen Nachbarn, darunter auch Deutschland, sich vor der Wahrheit verschließen, ist ein schreckliches Zeichen: Sie bereiten sich auf einen Krieg vor. Ihr Handeln ist nicht nur ein Zeichen von Schwäche, sondern auch eine direkte Vorbereitung auf einen Krieg. Deshalb fordere ich unsere Führung auf, sich vollständig auf einen Krieg und die Zerstörung Europas vorzubereiten, das erneut diesen Weg eingeschlagen hat. Wenn die deutschen Medien und das Establishment erneut Krieg führen wollen, dann garantiere ich Ihnen: Es wird kein Deutschland mehr geben, niemals. Als Land wird es aufhören zu existieren. Deutschland hat Europa, der Menschheit und sich selbst bereits ungeheuren Schaden zugefügt. Wenn es, wie es derzeit aussieht, erneut auf Revanche aus ist, werde ich weiterhin öffentlich behaupten: Deutschland muss vernichtet werden.

Multipolar: Wie beurteilen Sie kurz die US-amerikanisch-russischen Beziehungen?

Karaganow: Wir werden manövrieren und spielen, während die Versuche der Amerikaner, Russland zu untergraben, scheitern werden. Das liegt an der ungeheuren Anzahl strategischer Fehler, die sie begangen haben. Ich hebe drei entscheidende Fehler hervor. Der erste und wichtigste: Die Ablehnung des Wunsches der russischen Elite, sich Anfang der 90er Jahre in den Westen zu integrieren. Ich war damals über diese ungeheure Dummheit erstaunt. Zweitens: Die Unterstützung der Entwicklung Chinas – initiiert von den Amerikanern, da die europäischen „Freunde” zu diesem Zeitpunkt bereits kein strategisches Denken mehr hatten – in der naiven Hoffnung, dass es demokratisch werden und sich an die amerikanische Politik anpassen würde. Das war reine Idiotie. Dritter fantastischer Fehler: Mit ihrer kurzsichtigen Politik haben sie Russland und China zu einem unbesiegbaren Tandem gemacht. Zusammen sind wir viel stärker als der gesamte Westen. Wir wollen keinen Krieg, aber wenn, Gott bewahre, der Westen sich dazu entschließen sollte, werden wir gewinnen.

Multipolar-Autorin Dr. Éva Péli im Gepräch mit Karaganow am 30. Oktober in Moskau | Bild: Tilo Gräser

Multipolar: Während des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und dem Westen wurden neben offiziellen Verhandlungen oft informelle oder „geheime” Kommunikationskanäle genutzt, um Krisen zu verhindern. Glauben Sie, dass es in der aktuellen Konfrontation einen solchen informellen, vertraulichen Kanal zwischen Russland und dem Westen gibt oder dass er dringend geschaffen werden muss, um das Risiko einer Eskalation zu kontrollieren?

Karaganow: Tatsächlich gibt es derzeit nur sehr wenige solcher informellen Kanäle. Wir versuchen, solche Kanäle mit den Europäern aufzubauen, aber das ist im Grunde genommen sinnlos. Früher hatten wir in der Europäischen Union interessante und kluge Gesprächspartner. Die derzeitige europäische Elite ist jedoch so sehr degeneriert, dass es niemanden mehr gibt, mit dem man einen sinnvollen Dialog führen könnte. Mit den Amerikanern wird der Dialog auf verschiedenen Ebenen aufrechterhalten, obwohl dies ziemlich schwierig ist.

Multipolar: Vor dem Hintergrund der wachsenden Uneinigkeit mit der vorherrschenden Politik Brüssels sind in Mitteleuropa – insbesondere in Ungarn, der Slowakei und Tschechien – Tendenzen zur Bildung einer alternativen Agenda zu beobachten. Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit und die Chancen dieser Länder ein, innerhalb der Europäischen Union einen einflussreichen Block zu organisieren und anzuführen, der sich gegen den „Mainstream” in der EU-Politik stellen könnte?

Karaganow: Ich glaube, wenn es uns gelingt, einen Dritten Weltkrieg zu vermeiden, zu dem Europa derzeit aktiv drängt, werden sich die meisten Länder Mittel-, Ost- und Südeuropas zusammenschließen und als europäischer Teil dem Großen Eurasien beitreten. Wir werden diesen Prozess natürlich begrüßen. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass die Ungarn zu den wichtigsten Eurasiern gehören. Ihre historischen Wurzeln und ihr nomadisches Erbe machen sie neben den Nachfahren des Mongolischen Reiches zu natürlichen Gründern von Groß-Eurasien.

Multipolar: Aber Ungarn und Tschechien werden höchstwahrscheinlich Mitglieder der Nato bleiben.

Karaganow: Lassen Sie uns abwarten, was in fünf bis zehn Jahren passieren wird. In dieser kurzen Zeit wird sich die Lage grundlegend ändern: Europa wird entweder auseinanderbrechen oder in einen großen Krieg verwickelt werden. Ich hoffe aufrichtig, dass wir einen großen Krieg vermeiden können. Sollte es jedoch zu einem großen Krieg kommen, wird Europa einfach aufhören zu existieren. Höchstwahrscheinlich wird Europa den Weg des Zerfalls gehen.

Multipolar: Ein großer Krieg – das ist ein Atomkrieg.

Karaganow: Ja. Ein großer Krieg kann nicht nicht-nuklear sein. Die Vorstellung, dass ein umfassender Konflikt in Europa konventionell bleiben könnte, ist, entschuldigen Sie bitte, idiotisch. Was bedeutet ein Atomkrieg in Europa? Es bedeutet, dass die meisten europäischen Länder zu einer Wüste werden. Sie werden einfach aufhören zu existieren. Selbst dem elementarsten gesunden Menschenverstand entzieht sich, was diejenigen, die von einem Krieg gegen die Atommacht Russland sprechen, eigentlich anrichten. Sie verurteilen ihre eigenen Völker zum Untergang. Leider hat die europäische Führung nicht nur ihr Geschichtsbewusstsein, sondern auch das elementare, physische Gefühl der Angst verloren.

Über den Interviewpartner: Sergej Karaganow, Jahrgang 1952, Sohn eines Literatur- und Filmwissenschaftlers, studierte in Moskau Ökonomie und promovierte 1978 über den „Stellenwert transnationaler Firmen in der Außenpolitik der USA“. Von 1988 bis 2010 arbeitete er im Europa-Institut der Akademie der Wissenschaften und ist seit 2006 Dekan der Fakultät für Weltwirtschaft und internationale Angelegenheiten an der Wirtschaftshochschule Moskau. Er leitete außerdem die Denkfabrik „Rat für Außen- und Verteidigungspolitik“, als deren Ehrenvorsitzender er weiterhin amtiert, und ist Mitglied der wissenschaftlichen Beiräte des russischen Außenministeriums sowie des Sicherheitsrates der Russischen Föderation.

2003 war Karaganow neben Richard Perle, Joseph Nye, Romano Prodi und Jean-Claude Trichet Teilnehmer des Jahreskolloqiums der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog in Berlin. Thema damals: „Europa leidenschaftlich gesucht“. Gegenüber Perle erklärte er dort (PDF, S. 42): „Seit Breschnjew bin ich für Europa. Auch habe ich Putins Politik der Favorisierung Europas unterstützt. Nun sehe ich meine Hoffnungen enttäuscht. Wir hatten begonnen, vor allem in der Außen- und Verteidigungspolitik sehr viel enger mit den Europäern zusammenzuarbeiten, stellten dann allerdings einen eklatanten Mangel an Substanz fest. (…) Liebe Europäer, überdenken Sie bitte Ihr außen- und verteidigungspolitisches Paradigma und erkennen Sie, dass Sie Bündnisse mit Russland, China und vergleichbaren Ländern eingehen müssen, nicht aber mit den USA. Stellen Sie Ihr Verhältnis zu den Amerikanern auf den Prüfstand.“

Weitere Artikel zum Thema:

Diskussion

12 Kommentare
AARN, 14. November 2025, 20:05 UHR

Zunächst ein spontaner emotionaler Kommentar: Sehr gut und kompetent gefragt und äußerst weitreichend geantwortet. Ich hoffe sehr, dass neben den genannten ungarischen und südeuropäischen Ansätzen es doch auch noch deutsche und zentrale europäische Kräfte und Kanäle zum konstruktiven friedlichen eurasischen Miteinander gibt. Umso mehr sollten die Reisen, nicht nur AfD-Abgeordneter, nach Russland stattfinden.

MICH LAUST DER AFFE, 15. November 2025, 09:35 UHR

Liebes Multipolar-magazin-Team,

vielen Dank für Ihren Mut in diesem meinungsfreiheitsfeindlichen Umfeld so ein Interview zu veröffentlichen. Die Gemüter der selbsternannten Gralshüter der offiziell geduldeten Meinungsäußerungen werden wieder überschäumen und verzweifeln bei ihren Überlegungen, wie sie Ihnen wieder in die Parade fahren könnten ohne dabei die scheußliche Fratze hinter ihrem heuchlerischen Gesicht allzu deutlich erneut bloßzustellen.

Ich habe wenig Hoffnung, dass die von Herrn Karaganow als Idioten titulierten europäischen „Eliten“ den Ernst der Lage verstehen. Eher schon wird vielleicht der ein oder andere ihrer Untertanen ins Nachdenken kommen, deren Stimmen beim Wahlzirkus sie ihre Positionen zu verdanken haben. Da gibt es hoffentlich einige, die sich zumindest noch beim Multipolar Magazin vom Mainstream abweichende Informationen gönnen. Werden die Massen revoltieren und diese „Eliten“ zum Teufel jagen? Wohl kaum. Und es ist wohl auch nicht wünschenswert. Revolutionen tendieren dazu, oft noch schlimmere Kreaturen an die Macht zu bringen, die schon längst von den Puppenspielern im Hintergrund für diese Aufgabe ausgewählt wurden. Zuletzt zeitgenössisch zu beobachten bei der Maidan-Revolte, deren Konsequenzen nun unser aller Wohlergehen bedrohen. Allerdings in ganz anderer Weise, als unsere „Eliten“ uns das weismachen wollen.

Bleibt nur die Hoffnung, dass innerhalb dieser „Eliten“ – vielleicht in der zweiten Reihe – ein paar verantwortungsbewusste Akteure durch die Filter gerutscht sind und den Mut zu einer Palastrevolution haben. Selbstverständlich im Rahmen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

CARLO LF, 15. November 2025, 09:40 UHR

Vielen Dank für das sehr aufschlussreiche Interview mit dem politischen Meisterdenker aus Russland. "durchaus kriegerisch und radikal" ist aber ein starker Euphemismus für seine Haltung - er droht Europa mit atomarer Vernichtung, redet wie die primitiven Islamisten von einem "heiligen Krieg gegen Satan".

Ob seine hier geäußerten irren Positionen tatsächlich von 95% der russischen Eliten geteilt werden, wage ich zu bezweifeln. Zudem äußert er sich gar nicht zu der nach einem russischen Atomschlag mit Sicherheit folgenden Vergeltung mit ebenso heftigen Konsequenzen für Russland. Sein Vorschlag des Ausweichens nach Sibirien ist aber ein sehr dürftiges Argument. Es impliziert die Opferung der Massen von Russen, die doch westlich des Urals zum größten Teil beheimatet sind. Und die wohl kaum Sympathie mit dem Lebensstil der Goldenen Horde haben.

Insgesamt die Position eines an der westlichen Strategie und Unnachgiebigkeit nach dem Ende des sowjetischen Reiches maßlos Enttäuschten und irre Gewordenen. Zu Hoffen ist, dass es weiter Besonnene in Russland geben wird, die vor solchen angekündigten Reaktionen nach wie vor zurückschrecken. Dass es solche Irren auch in der NATO gibt, habe ich keine Zweifel.

MICH LAUST DER AFFE, 16. November 2025, 19:30 UHR

@Carlo LF,
Sind Sie sicher, dass Sie Herrn Karaganow richtig verstanden haben? Das, was er über Sibirien sagt, bezieht sich auf die aktuelle Situation im Falle eines Endes der militärischen Sonderaktion mit militärischen Mitteln (aufgrund der kompletten Diplomatie-Verweigerungshaltung der EU vermutlich unvermeidlich): dem unvermeidlichen Bruch mit dem hinterlistigen Westen und der Schaffung einer multipolaren Weltordnung. Nicht auf ein Szenario nach einem atomaren Schlagabtausch.

Die Drohung gegen Europa mit atomarer Vernichtung erfolgt im Konjunktiv. Nämlich als ultima ratio für den Fall der fortgesetzten westlichen Bemühungen, den Staat Russland zu zerschlagen, zu filetieren und neokolonial auszubeuten wie seinerzeit Afrika. Ein souveräner Staat verzichtet nicht darauf, sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen seine Vernichtung zu wehren. Das erscheint mir das normalste der Welt. Die bedingte Drohung soll dem Realitätsverlust der westlichen „Eliten“ entgegenwirken, indem er sie daran erinnert, welche Mittel Russland zur Verfügung stehen. Herr Karaganow beteuert mehrmals, dass er fast unbedingt das atomare Szenario vermeiden möchte.

Die konkret benannte Ausnahmebedingung wäre erfüllt, wenn der russische militärische Oberbefehlshaber zu der Einschätzung kommen sollte, dass die Vernichtungsdrohung für die russische Staatlichkeit so ernst zu nehmen ist, dass sie nur noch präventiv abgewendet werden kann. Wer über genügend historisches Wissen verfügt um die Ereignisse der letzten Jahrhunderte richtig einzuordnen, dem wird nicht entgangen sein, dass die Zerschlagung der russischen Staatlichkeit und Aneignung der schier unendlich anmutenden Ressourcen auf Russlands Staatsgebiet das Hauptziel der imperialistischen Bestrebungen des Westens ist. Seit mehreren Jahrhunderten, nur unterbrochen von durch erfolgreiche russische Selbstverteidigung erzwungener Pausen.

Welches Interesse sollte andererseits Russland haben, sich die ihrem wirtschaftlichen Ruin entgegentaumelnden schlafwandelnden EU-Staaten aufzubürden? Das kann man in den NATO-Propaganda-Organen nachlesen. Wer das glaubt, dem kann ich nur empfehlen, sich unverfälschte Originalaussagen führender russischer Politiker anzuhören, um sich ein eigenständiges Urteil darüber zu bilden. Ich hoffe inständig, dass unsere „Eliten“ oder ihre Nachfolger richtig verstehen, was Herr Karaganow mitzuteilen versucht, bevor sie Europa restlos heruntergewirtschaftet haben.

GUTEN MUTES, 16. November 2025, 10:00 UHR

Auch wenn das keine leichte Kost ist, bin ich froh, dass Multipolar diese Sichtweise bereitstellt. Ich lese es als eine Art Status-Meldung und dass die Zeichen auf Rot stehen. Wenn man die spärlich durchdringenden Reaktionen aus Russland auf so manche Provokationen seitens der NATO und EU-Staaten ungeschnitten lesen konnte, fiel immer eine große Duldsamkeit und Tendenz zu deeskalierender sachlicher Differenzierung auf. In diesem Interview aber wird mit Gegenverteufelungen gearbeitet und mit einer vernichtenden Aggression gedroht...

Ich bin bedrückt und traurig über den Gang der Dinge. Ich wünsche mir, dass die Russinnen und Russen die Größe bewahren, die Strukturen hinter den Politdarstellern zu erkennen, welche diese Entwicklung erst möglich machen: BlackRock, Lobbyisten der Militär-Industrie... die USA, welche z.B. Deutschland einschüchtern (Nordstream- Sprengung), in noch weitergehende Abhängigkeit bringen (Fracking-Gas) und die EU anheizen, aufzurüsten. Das rechtfertigt diese bellizistische Politik und Berichterstattung nicht, aber es erklärt sie ein Stück weit.

Ein entstandenes Propagandanetzwerk der Nato erklärt auch ein Stück weit, dass Hoffnungsträger für die Friedenssicherung wie das BSW oder moderate Stimmen wie die von Herrn Mützenich oder Herrn Stegner kaum durchkommen. Von unserer Regierung und unseren MSM fordere ich, dass sie solche Drohungen ernst nehmen und im Interesse der ukrainischen, russischen und der eigenen Bevölkerung endlich klare Zeichen der Deeskalation setzen. Die vermutlich völkerrechtswidrigen Sanktionen gehören bedingungslos beendet und die Militärhilfe im Moment der Gespräche auch. Diplomatische Zurückhaltung als Bundesrepublik wäre auch hilfreich.

JENS FLEGEL, 24. November 2025, 11:50 UHR

Ich glaube, das viel grundlegendere Problem ist, dass sich insbesondere auf der Ebene der politischen Führungseliten so viel menschliche und psychische Gestörtheit strukturell ausgebreitet hat, dass tatsächlich so etwas wie die im Interview beschriebene "Hyänenbewusstseinspatholgie" regiert. Also eine Art der pathologischen Bewusstseinsverzerrung, die extrem archaisch und unreif sowie impulsiv ohne Blick auf die Konsequenzen des eigenen destruktiven Verhaltens weitgehend verantwortungslos agiert.

Ähnlich einem Tier, das sich existentiell bedroht fühlt und dann nur noch reflexhaft und impulsiv im Bedrohungs- und Kampfmodus reagiert, wobei das Pathologische beim Menschen darin besteht, dass er die Zerstörung völlig dysfunktional gegen sich selbst und das eigene Volk zu richten bereit ist. Und dabei letztlich noch nicht einmal mehr vor der Zerstörung der gesamten Zivilisation zurückschreckt. Diese selbstzerstörerische Psychopathologie ist dabei sowohl auf der Ebene der Führungseliten verbreitet (die als Täter agieren) als auch auf der Ebene der Bevölkerung (die sich komplementär dazu als hilfloses Opfer verhält und die eigene Zerstörung duldet), sodass sich eine ganz ungesunde Täter-Opfer-Dynamik inszeniert.

Da Menschen mit einer psychischen Täter-Struktur (oft destruktiv-bösartig-narzisstisch) ganz besonders wenig Motivation mitbringen, etwas an ihrer Pathologie zu ändern, sehe ich die einzige Lösung darin, dass die Bevölkerungen (auf allen Seiten) zunehmend aus ihrer Opfer-Lethargie heraustreten und sich wieder selbst ermächtigen und ein Für-sich-selbst-Einsetzen lernen müssen. Das ist auch schwer genug, weil dieser Weg zunächst durch Gefühle von Scham, Schuld, Ohnmacht und Verzweiflung führt, aber nur wenn wir diesen Heilungsweg jeweils individuell beschreiten (also jeder Einzelne für sich und in Vernetzung mit anderen Menschen, die diesen Weg ebenfalls zu gehen bereit sind), können wir diese toxische Zerstörungsdynamik wirklich nachhaltig überwinden.

Dabei braucht es viel "guten Mut" und meiner persönlichen Überzeugung nach auch eine möglichst vertrauensvolle Beziehung zur göttlichen Quelle unserer Schöpfung, die uns mit genug Liebe, Glaube und Hoffnung versorgt, wenn wir uns innerlich für diese Versorgung und das dafür nötige Vertrauen (wieder) öffnen können. Das Potential dazu liegt in uns als Menschheit. Wir müssen es nur endlich nutzen.

RALLE, 16. November 2025, 17:50 UHR

Wie recht er mit diesen Worten hat: "da das heutige Europa alle Grundwerte ablehnt, die es einst zum Vorreiter der menschlichen Zivilisation gemacht haben." Die deutsche Politik kritisiert ja schon, wenn jemand von der AfD nach Russland fährt, um Gespräche zu führen. Selbst verweigert sie im Stiel bockiger Kleinkinder jegliche Kommunikation mit den Russen. Wozu haben wir eigentlich einen Außenminister? Sie faseln immer von russischer Bedrohung, lehnen aber den Vorschlag für einen Friedensvertrag von Lawrow ab. Wenn das hier stimmt: https://publikumskonferenz.de/blog/spannungsfall-2026-wie-die-deutsche-industrie-auf-kriegswirtschaft-vorbereitet-wird/, dann wird den Russen nichts anders als ein Atomkrieg übrig bleiben.

Konventionell können Sie die NATO nicht besiegen. Es ist davon auszugehen, dass einer der baltischen Staaten einen Krieg nach Vorbild "Sender Gleiwitz" provoziert. Estland hatte ja schon eigenmächtig sein Hoheitsgebiet erweitert, damit es Russland für eine vermeintliche Grenzverletzung beschuldigen konnte. Von der gegenwärtigen EU-Führung und den Regierungen der 3 größten Länder in der EU erwarte ich nichts. Die einzige Hoffnung besteht darin, dass die EU zerfällt, bevor sie einen Krieg beginnen kann.

MICHAEL KARI, 17. November 2025, 17:55 UHR

(1.) Europa kann man nicht vernichten.
(2.) Bei der EU bin ich mir nicht sicher.
(3.) Was soll die Angstmacherei?

STEFAN KRÖGER, 17. November 2025, 18:55 UHR

Deprimierend. Man kann nur hoffen, dass Putin auch noch andere gemäßigte Berater hat.

MATTHIAS BARON, 18. November 2025, 13:25 UHR

Gewöhnt, den russischen Bären nach Belieben zu provozieren. Wenn dann jemand sagt, wir können auch anders, schreiben alle: doppelplusungut. So wie es ist, kann es bleiben. Schön am Sondervermögen knabbern und sich als Verteidiger freiheitlicher Demokratien präsentieren. Konflikte gewinnt der, der höher eskalieren kann. Dies zu Ende gedacht, ergibt die hier im Interview geäußerten Standpunkte. Wieso liefert Merz kein 'Taurus'? Weil er weiß, schlägt so ein Ding im Kreml ein, ist das Berliner Kanzleramt auch kein sicherer Ort mehr. Warum dreht Putin nicht an der Eskalationsschraube? Vermutlich hat er erkannt, daß der Westen, diesen Abnutzungskrieg schlecht verdaut. Deutschland fährt gegen die Wand, die Amerikaner haben mit Israel und Venezuela noch andere Baustellen, Frankreich und England machen auch keinen berauschenden Eindruck. Warten ist besser, als zu eskalieren.

LISA MARIA LEWIN, 18. November 2025, 23:35 UHR

Mir kam auch mal zu Ohren, dass gewaltiges Säbelrasseln auch dem Zweck dienen könnte, Kriege zu vermeiden. Militärs sagen sowas. Übrigens behauptet der Alt-Republikaner Paul Craig Roberts im Blog antikrieg.com (siehe: https://antikrieg.com/inhalt.htm) seit Jahren schon immer wieder, die Nachgiebigkeit des Putin sei die größte Kriegsgefahr. Denn genau das mache die Kriegstreiber so kühn.

MICH LAUST DER AFFE, 21. November 2025, 23:15 UHR

Vermutlich ist meine Einschätzung dessen, wie die Gralshüter der offiziell geduldeten Meinungsäußerung das auffassen, nicht korrekt. Eventuell kommt es ihnen sogar gelegen. Denn für unbedarfte Zeitgenossen, die den geopolitischen Hintergrund der aktuellen Geschehnisse in der Ukraine nicht verstehen, ist das, was sie hier zu lesen bekommen, nur ein Mosaiksteinchen mehr, dass bestätigt, welche Unmenschen die Russen doch sind. Was diese Gralshüter wirklich verärgern würde und sie sogar zu Sanktionen gegen Multipolar veranlassen könnte, wäre ein Interview mit Herrn Putin. Denn das, was Herr Putin sagt, ist natürlich lupenreine russische Desinformation.

Da ich vermute, dass ein solches Interview nicht zustande kommen wird, möchte ich den an den tatsächlichen Aussagen von Herrn Putin Interessierten das Portal anti-spiegel.ru von Thomas Röper empfehlen. Herr Röper ist ein Journalist, der schon seit über 30 Jahren in Sankt Petersburg lebt. Er und Alina Lipp, die von der Krim aus berichtet, sind die ersten beiden deutschen Journalisten, die von der EU mit Anti-Russland-Sanktionen belegt wurden. Bei anti-spiegel.ru gibt es viele Beiträgen, welche dem deutschen Leser die russische Sicht auf die Dinge zeigen, die in Deutschland ja inzwischen ansonsten streng zensiert ist. Besonders hervorheben möchte ich die vollständigen Interviews von Herrn Putin, die dort immer wieder zu finden sind.

Herr Putin stellt sich ja mehrmals im Jahr auch Journalisten aus dem Westen für deren unzensierte Fragen. Und beantwortet diese ausführlich und kompetent. Wer von der Lächerlichkeit der Sonntagsinterviews des ÖRR gelangweilt ist, der findet hier echte Interviews und echten Journalismus. Mit echten Antworten, nicht mit peinlichen Ausweichmanövern in Form von Pseudoantworten à la Bundespressekonferenz.

Kommentieren

Zum Kommentieren bitte anmelden.