Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan und der SPD-Abgeordnete Serdar Yüksel im Dezember 2025 in Äthiopien | Bild: picture alliance / BMZ/photothek.de / Florian Gaertner

Quo vadis Entwicklungshilfe?

Seit der Unabhängigkeit der afrikanischen Nationen sind rund 2 Billionen US-Dollar auf den Kontinent geflossen. Doch eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ wurde in weiten Teilen kaum erreicht. Woran liegt das?

PAUL SOLDAN, 10. Juni 2026, 3 Kommentare, PDF

„Strategischer, fokussierter und partnerschaftlicher“ – so soll die deutsche Entwicklungspolitik werden, zumindest laut dem Anfang des Jahres vorgestellten Reformplan des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Zugleich werden die Hilfsleistungen reduziert. Nachdem diese zwischen 2012 und 2023 von 10 auf über 35 Milliarden Euro pro Jahr angestiegen waren, sind sie in den vergangenen zwei Jahren gesunken: 2024 auf 30 Milliarden und 2025 auf rund 26 Milliarden Euro.

Parallel stieg Deutschland aber durch die Abwicklung der US-Entwicklungsbehörde USAID unter Donald Trump zum weltweit größten Geberland auf. Der allgemeine internationale Trend geht aber schon seit einigen Jahren nach unten. Aus diesem Grund schlagen immer mehr Hilfsorganisationen Alarm. So warnte 2025 die Präsidentin von „Brot für die Welt“ Dagmar Pruin: „Wenn die Entwicklungsgelder weiter gekürzt werden, sterben Menschen.“

Doch auch Kritik an der Entwicklungshilfe ist zuletzt lauter geworden – unter anderem ausgelöst durch kontroverse Entwicklungsprojekte wie die Radwege in Peru oder den Bau von Sanitäranlagen in Nigeria. So forderte etwa 2024 Wolfgang Kubicki (FDP) im Streit um den Bundeshaushalt eine Kürzung der Entwicklungshilfe und der humanitären Hilfe um rund 20 Milliarden Euro. (Anmerkung: Der Begriff „Entwicklungshilfe“ hat sich zwar im allgemeinen Sprachgebrauch bis heute gehalten, wurde jedoch vor mehreren Jahren offiziell in „Entwicklungszusammenarbeit“ geändert. Zur Einheitlichkeit und zum besserem Verständnis wird im Folgenden aber weiterhin von Entwicklungshilfe die Rede sein.)

Afrikas korrupte Eliten

Kritik an der Entwicklungshilfe kommt nicht nur aus der Politik. Zu den umfassendsten kritischen Werken zählt das Buch „Afrika wird armregiert“ des ehemaligen deutschen Diplomaten Volker Seitz, der insgesamt 46 Jahre im Auswärtigen Dienst und davon 17 in Afrika tätig war. Darin fragt er, warum jahrzehntelange Hilfen „die verheerenden wirtschaftlichen Verhältnisse“ nicht nachhaltig verbesserten. Zu den Hauptverantwortlichen zählt er Afrikas Eliten und Regierungschefs und liefert zahlreiche Beispiele, wie langjährige Staatschefs regelmäßig neue Hilfe für den Kontinent einfordern, gleichzeitig jedoch einen äußerst luxuriösen Lebensstil pflegen, während die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ihres Landes kaum vorankommt.

So forderte 2006 Denis Sassou Nguesso, von 1979 bis 1992 Präsident der Volksrepublik Kongo und seit 1997 Präsident der Republik Kongo, auf der Internationalen Konferenz „Solidarität und Globalisierung“ in Paris neue Mittel für Afrika ein. Doch hatte der gleiche Sassou Nguesso kurz zuvor für eine Woche in einem Hotel in New York 280.000 Dollar ausgegeben. Ein Leichtes für einen Präsidenten, der – wie französische Medien 2009 berichteten – in Frankreich 18 Anwesen und 112 Bankkonten unterhielt. (1)

Auch wenn eine solch enorme Vermögensakkumulation nicht allein durch die Entwicklungshilfe zustande gekommen ist, bleibt die Frage, woher diese stammt. Einige Staatspräsidenten wie Cyril Ramaphose (Südafrika) – der mit einem geschätzten Vermögen von 450 Millionen US-Dollar zu den reichsten afrikanischen Staatschefs zählt –, sind bereits als erfolgreiche Unternehmer in die Politik gegangen. Doch viele der vor allem dynastischen Staatsführer wie Teodoro Obiang (Äquatorialguinea, seit 1979, 600 Millionen US-Dollar), Paul Biya (Kamerun, seit 1982, 200 Million US-Dollar) oder Denis Sassou Nguesso (150 Millionen US-Dollar) machten ihre Karrieren nahezu ausschließlich im Staatsapparat.

Insgesamt seien die Schäden, die durch Korruption entstehen, erheblich, betont Seitz. Sie erhöhe die Transaktionskosten beim Aushandeln von Preisen, verhindere eine „marktkonforme Preisbildung“, zementiere Machtverhältnisse und Abhängigkeiten, „wo Initiative und Engagement gefordert wären“, reduziere öffentliche Einnahmen zugunsten privater Gewinne, schaffe Unsicherheit und Misstrauen statt Berechenbarkeit und Verlässlichkeit und stelle die staatliche Legitimität in Frage. Alles in allem untergrabe Korruption die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum, so der langjährige Diplomat. (2)

Kapitalflucht

Was die Volkswirtschaften ebenfalls stark belastet und Entwicklung erschwert, ist die enorme Kapitalflucht. Seitz schreibt dazu:

„Laut dem UNCTAD-Bericht für 2007, ‚Economic Development in Africa‘, wird die Kapitalflucht aus Subsahara-Afrika auf jährlich zwischen 3 und 13 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Verantwortlichen dafür benennt der Bericht unmissverständlich. Es sind Afrikas politische und wirtschaftliche Eliten, die illegale Praktiken anwenden, um sich den Reichtum ihrer Länder anzueignen.“ (3)

Tatsächlich ist heute die Summe weitaus höher, wie der burundische Professor für Wirtschaftswissenschaften, Léonce Ndikumana, und der britische Ökonom, James K. Boyce, in ihrem Buch „On the Trail of Capital Flight from Africa“ (Auf den Spuren der Kapitalflucht aus Afrika) aufzeigen. Demnach beträgt der Geldabfluss aus Subsahara-Afrika mittlerweile 65 Milliarden US-Dollar pro Jahr und übersteigt damit die weltweite Entwicklungshilfe für den gesamten Kontinent.

Rücküberweisungen: Überlebenshilfe aus der Diaspora

Was in der öffentlichen Wahrnehmung zudem selten auffällt, sind die enormen Summen, die jährlich von Afrikanern aus der Diaspora an Verwandte und Bekannte zurückfließen. 2023 betrugen diese sogenannten Rücküberweisungen (Englisch: Remittances) 90,2 Milliarden US-Dollar und stellten damit einen wesentlichen Faktor für das Überleben vieler Menschen dar. Laut Weltbank betrug im selben Zeitraum die weltweite „öffentliche Entwicklungshilfe und erhaltene öffentliche Hilfe“ (netto) für den ganzen Kontinent rund 60,5 Milliarden US-Dollar – also 67 Prozent der Rücküberweisungen.

Wie stark die teils hoch prekäre Lage der Volkswirtschaften durch die Diaspora mehr oder weniger unsichtbar aufgefangen wird, zeigt sich an den kleinen Staaten Lesotho und Gambia. In Lesotho betrug 2024 der Anteil der Rücküberweisungen am Bruttoinlandsprodukt ganze 22 Prozent, in Gambia rund 21 Prozent.

Kritische Stimmen aus Afrika

Kritik an der klassischen Entwicklungshilfe kommt auch aus Afrika selbst. So verweist Seitz zum Beispiel auf das 1991 von der Kamerunerin Axelle Kabou erschienene Buch „Weder arm noch ohnmächtig“. Die Autorin war unter anderem als Koordinatorin von Entwicklungsprojekten in Westafrika sowie beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP tätig. Das 35 Jahre alte Werk hat kaum an Aktualität verloren. Kabou geht mit ihrem Kontinent, den gesellschaftlichen Problemen, den Helfern aus dem Norden und insbesondere mit den eigenen Eliten hart ins Gericht:

„Die Unterentwicklung Afrikas geht nicht auf einen Mangel an Kapital zurück. Dies zu glauben, wäre naiv. (…) Meine These lautet: Die Entwicklung käme auch dann nicht in Gang, wenn Afrika über Milliarden Dollar verfügen könnte. Denn seit der Unabhängigkeit ist nichts, aber auch gar nichts unternommen worden, um in Afrika eine neue Vision des eigenen Selbst und der Außenwelt zu schaffen.“ (4)

Ihr Buch, eine „Streitschrift gegen schwarze Eliten und weiße Helfer“, hätte das Potenzial für eine breite Debatte über den zukünftigen Weg des Kontinents. Jedoch hat sie für ihre schonungslose Kritik einen hohen Preis bezahlt. Wie Seitz erwähnt, war sie nach der Veröffentlichung heftigen Drohungen ausgesetzt, woraufhin sie ihren Heimatkontinent verließ und in Frankreich untertauchte.

Eine weitere kritische Stimme Afrikas ist der kenianische Ökonom James Shikwati, der regelmäßig in deutschsprachigen Medien zitiert wird. Er plädiert für eine mittelfristige Einstellung der internationalen Hilfe, denn diese „verfestige korrupte Strukturen“ und hindere die Afrikaner, „Eigeninitiative zu zeigen“. Entwicklungshilfe habe mehr „Schlechtes als Gutes erreicht“, da sie „den Raum besetzt hat, der eigentlich von afrikanischen Denkern, Experten und Politikern selbst besetzt sein sollte“. Die ausländische Hilfe sei „zu einem Instrument der afrikanischen Politik“ geworden, anstatt Möglichkeiten zu schaffen, dass sich „afrikanische Strukturen selbst entwickeln“.

Der ugandische Journalist Andrew Mwenda bestätigt diese Ansicht. Die Helfer mögen „hie und da humanitäre Erfolge“ erzielt haben, hätten aber zugleich „den wichtigsten Mechanismus, der langfristig die Armut beseitigen könnte“ zerstört: „Die Hilfe untergräbt die Entwicklung eines kompetenten, unbestechlichen Staatsapparats.“ (5)

Laut dem kenianischen Ökonom Aly-Khan Satchu flossen seit den 1950er Jahren rund 2 Billionen US-Dollar an Entwicklungshilfe nach Afrika, ohne nachhaltige Erfolge erzielt zu haben. „Sie war kein effektiver Weg, um Afrika nach vorne zu bringen. Das ist ganz klar. Deshalb sagen wir: Handel statt Hilfe. Geschäfte machen ist ein besserer Weg, diese Probleme anzugehen.“

„Entwicklungshilfe“ ist nicht „humanitäre Hilfe“

Gleichwohl fordern Hilfsorganisationen weiterhin neue Mittel ein und reagieren auf Reduzierungen meist mit einer emotionalisierenden Alarmstimmung. Was bei der Berichterstattung dazu auffällt, ist die Vermischung von „Entwicklungshilfe“ mit „humanitärer Hilfe“. Laut UNICEF zielt Entwicklungshilfe „auf die langfristige und nachhaltige Verbesserung von wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Verhältnissen“ ab. Außerdem soll „Krisen und gewalttätigen Konflikten vorgebeugt“ werden. Der Verantwortungsbereich innerhalb der Bundesregierung liegt beim BMZ.

Für die humanitäre Hilfe ist dagegen das Auswärtige Amt zuständig. Dort heißt es: „Humanitäre Hilfe unterstützt Menschen, die sich aufgrund von Krisen, Konflikten oder Naturkatastrophen in einer akuten Notlage befinden und diese aus eigener Kraft nicht bewältigen können.“ Wie Volker Seitz auf Nachfrage erklärt, zählen zu solchen Hilfslieferungen unter anderem Nahrungsmittel, sauberes Wasser, Saatgut, Moskitonetze und medizinische Versorgung. „Die Mittel werden von den deutschen Botschaften in der Region oder in Nachbarländern gekauft, um eine rasche Hilfe zu gewährleisten.“

Trotzdem wird in der öffentlichen Darstellung selten getrennt, dass Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe zwei verschiedenen Ressorts zugeordnet sind und zwei unterschiedliche Aufgaben verfolgen. So titelte etwa die Deutsche Welle Ende April: „Weniger Entwicklungshilfe: ‚Es geht um Leben und Tod‘“. Die erste Grafik zeigt jedoch die zuletzt gesunkenen Leistungen der humanitären Hilfe. Im Artikel werden die zwei unterschiedlichen Hilfsleistungen miteinander vermischt, wodurch der Krisenmodus der humanitären Hilfe auf die Entwicklungshilfe übertragen wird. Hunger, der erfahrungsgemäß durch Krisensituationen und Kriege entsteht, wird oft als Argument genommen, immer mehr Geld für die Entwicklungshilfe einzufordern oder auf Kürzungen stark emotionalisierend zu reagieren.

Entwicklungshilfe-„Industrie“

Seitz zufolge hat sich durch die jahrzehntelang geflossenen Entwicklungshilfemilliarden ein regelrechter Wirtschaftskomplex gebildet, der immer mehr Geld für sein eigenes Überleben benötigt:

„Zahllose Entwicklungshilfeorganisationen profitieren davon, wenn immer mehr Gelder für Afrika eingesetzt werden. Denn mit diesen Geldern werden Projekte und Personal finanziert. In Afrika hat sich eine Art von Entwicklungshilfe-‚Industrie‘ entwickelt, die längst zum Selbstläufer geworden ist. Es ist von keiner dieser Organisationen zu erwarten, dass sie sich freiwillig selbst abschafft, obwohl das ja letztlich das Ergebnis sein sollte, wenn ihre Bemühungen erfolgreich sind.“ (6)

Die Milliardenhilfen, ergänzt er auf Nachfrage, seien für das tägliche Leben der Armen „völlig belanglos“. Nur wenige Menschen seien mit „irgendeiner greifbaren Form von Entwicklungshilfe jemals in Kontakt gekommen“. Programme würden „ewig fortgesetzt“ und ständig neue geschaffen. „Ein großer Teil der Arbeit besteht in dem Schreiben von Berichten und in Gesprächen mit Behörden in den Hauptstädten. Intensive Gespräche mit den Betroffenen auf dem Land werden in der Regel selten geführt.“ Hätten die Organisationen in den letzten 60 Jahren „ordentliche Arbeit geleistet“, so Seitz, „müssten sie inzwischen überflüssig sein“. Stattdessen seien sie von Jahr zu Jahr gewachsen.

Somit profitierten die großen Hilfsorganisationen sogar von der „Unterentwicklung“ des Kontinents. Denn gäbe es eine großflächige wirtschaftliche, soziale und strukturelle Entwicklung, würde damit automatisch eine natürliche Reduzierung der Entwicklungshilfezahlungen einhergehen und damit auch eine Mittelreduzierung für sie selbst.

Interessen der Industrienationen

Was aber ist mit der Rolle der Industrienationen? Gut dokumentiert ist, wie Frankreich auch nach der Unabhängigkeit seiner Kolonien stets die Kontrolle über sie behielt. Über die fest an den Franc und heute an den Euro gekoppelte Währung CFA-Franc kontrolliert es bis heute deren Geldpolitik, und über spezielle Handelsverträge sicherte es sich einen Sonderzugang zu strategischen und rüstungsrelevanten Rohstoffen. Häufig wurden dafür brutale Diktatoren unterstützt, die im Gegenzug Frankreichs Interessen in ihren Ländern durchsetzten.

Allgemein ist der Rohstoffreichtum des Kontinents für die Industrienationen von immenser Bedeutung. Längst konkurrieren die USA und China um den Zugang. Eine eigene industrielle Basis fehlt dem Kontinent dagegen. Die Rohstoffe werden von Unternehmen aus Nordamerika, Europa, China oder Australien gefördert, anschließend zur Veredelung dorthin exportiert und teilweise als fertige Produkte zurück nach Afrika verkauft. Ein Beispiel ist das ölreiche Nigeria, das bis vor Kurzem 90 Prozent seines Benzins und Diesels importieren musste, da es selbst zu wenige Raffinerien besaß und die vorhandenen in schlechtem Zustand waren. Obwohl international Übereinstimmung darüber herrscht, dass für nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung eine Industrialisierung erforderlich ist, bleibt der Kontinent „die am wenigsten industrialisierte Region der Welt“.

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Politikberater Charles M. Huber machte 2023 in einem SWR-Interview auf Afrikas mangelnde industrielle Beteiligung sowie auf die Bedeutung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung aufmerksam. Weltwirtschaftliche oder auch Internationale Arbeitsteilung beschreibt den Anteil verschiedener Volkswirtschaften am weltweiten Produktions- und Dienstleistungsaufkommen. In Afrika ist die Teilhabe an Industrieproduktion und Welthandel historisch gering. War der Kontinent 1980 mit lediglich 6 Prozent am Welthandel beteiligt, sind es heute sogar nur 3 Prozent. Wie Huber in dem Interview betont, bedeute diese geringe Teilhabe, dass keine Industrialisierung stattfindet, Rohstoffe zu einem geringen Preis exportiert und alle Veredelungsprozesse in die Industrienationen verlagert werden.

„Jeder einzelne Schritt, jeder Arbeiter, der in diesem Prozess tätig ist, führt an den Staat Steuern ab. In Afrika ist es nicht der Fall – dafür kassieren sie Budgethilfe [Anmerkung: Budgethilfe ist ein Instrument der Entwicklungshilfe]. (…) Das heißt: Man ‚stiehlt‘ den Afrikanern nicht bloß die Rohstoffe, sondern ‚stiehlt‘ ihnen auch noch die Arbeit. Und das ist der Grund für Migration.“

Gleichzeitig benötigen die Industrienationen für ihre eigene Überproduktion aber auch einen Absatzmarkt, wie die zahlreichen westlichen Produkte unter anderem von Coca Cola, Pepsi, Nestlé, Kellogg‘s oder Unilever zeigen. Ebenso wie Produkte aus Asien und dem arabischen Raum, die in den afrikanischen Märkten häufig zu finden sind. Meist sind diese sehr günstig, was negative Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft hat. So sorgen importiertes Geflügel, Milchpulver oder Altkleidung zu Dumpingpreisen häufig dafür, dass vor Ort keine eigene Fertigungsindustrie entsteht.

„Mehr Geld fließt von diesem Kontinent in den Westen, als an Entwicklungshilfe hereinkommt“, sagt dazu Aly-Khan Satchu. James Shikwati ergänzt: „Das ganze Konzept der Entwicklungshilfe ist problematisch, denn es bringt Geschäft und Hilfe durcheinander. Die entwickelten Länder sagen Hilfe, wenn sie über Geld reden, mit dem sie ihre eigenen Interessen in Afrika verfolgen.“

Entwicklungsvoraussetzungen

Welche grundlegenden Voraussetzungen sind vonnöten, damit ein Land eine stabile und florierende Volkswirtschaft aufbauen kann? Laut dem Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck sind die makroökonomischen Bedingungen am wichtigsten:

„Diese sind ausschlaggebend für Entwicklung und Wachstum. Das bedeutet: In erster Linie müssen die Zinsen niedrig und es muss eine Binnennachfrage vorhanden sein. Dazu braucht es ein außenwirtschaftliches Regime, das funktioniert und das nicht ständig zu Überbewertungen und zum Verlust von Wettbewerbsfähigkeit führt.“

Zwar seien die mikroökonomische Bedingungen wie Korruptionsbekämpfung, Bürokratieabbau oder Entwicklungshilfeleistungen wichtige und sinnvolle Hebel, wie er zuletzt in einem Video darlegte, jedoch könne man damit solange keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung voranbringen, wie nicht die makroökonomischen Bedingungen stimmen. Denn diese seien die Basis für eine funktionierende Volkswirtschaft. Gegenüber Multipolar nennt er als Beispiel Nigeria:

„Ökonomisch ist es dort eine Katastrophe. Die Zinsen sind extrem hoch, die Inflation ist hoch und sie bekommen beides nicht reduziert. Dazu ist die Währung vollkommen überbewertet. Unter diesen Bedingungen ist leider keine wirtschaftliche Entwicklung möglich – auch nicht mithilfe von Good Governance. Die Länder bräuchten ein gutes internationales Umfeld, was die meisten schon nicht haben. Sie bräuchten gute interne Bedingungen und eine Form der Inflationsstabilisierung, die nicht über hohe Zinsen und Geldpolitik funktioniert – was sehr schwierig ist und was auch die meisten westlichen Volkswirtschaften nicht hinbekommen.“

Man brauche makroökonomische Steuerung und eine Regierung, die sich regelmäßig mit den „wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen austauscht“. Jede Art von Aufschwung müsse sich in den Einkommen der Menschen niederschlagen. „Das ist das Entscheidende: Es braucht Reallohnanstiege, damit es eine Kaufkraft gibt. Dieses Prinzip gilt natürlich nicht nur für Entwicklungsländer, sondern genauso für Europa.“

Politischer Wille

In diesem Sinn lassen bislang in vielen Entwicklungsländern Subsahara-Afrikas sowohl die makroökonomischen als auch die mikroökonomischen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung selten zu. Doch speziell die Probleme auf der Mikroebene erscheinen oft hausgemacht, da sie maßgeblich auf die Regierungsführung zurückzuführen sind.

Seitz äußert in seinem Buch den Verdacht, dass der „eine oder andere Machthaber in Afrika Interesse an der Aufrechterhaltung chaotischer Zustände“ haben könnte, „weil er davon am meisten profitiert. Das Land wird armgehalten, weil es nur dann weiterhin die üppigen Gelder gibt.“ (7) Auch das Thema Migration könnte davon betroffen sein. Auf die Frage, ob Regierungen ein Interesse an der Abwanderung gut ausgebildeter Bevölkerungsteile haben könnten, äußert er gegenüber Multipolar:

„Die Abwanderung von qualifizierten jungen, städtisch geprägten Bewohnern kann für fragwürdige autokratische Regime einen stabilisierenden Effekt haben. Deshalb hat zu meiner Zeit in Kamerun der Langzeitpräsident Biya – auch mir gegenüber – immer wieder niedrige Visahürden verlangt. Die arbeitslosen und rebellischen Jugendlichen sollen durch Migration ein Ventil finden. Somit wird potenzieller sozialer Sprengstoff nach Deutschland und Europa ausgelagert. Viele Afrikaner würden nach meinem Empfinden lieber in ihrer vertrauten Umgebung bleiben, wenn sie sich dort eine menschenwürdige Existenz aufbauen könnten. Niemand verlässt freiwillig seine Familie, Kultur und Heimat, wenn er vor Ort eine Perspektive hätte.“

Dass es auch anders geht, erläutert er an den Beispielen Botswana und Ruanda. Die beiden Länder hätten wirtschaftliche und soziale Entwicklung im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefördert und eine Verbesserung der Lebensverhältnisse ihrer Bevölkerungen erreicht. So sei Botswana „die Erfolgsstory, die sich jeder für Afrika wünscht“. Die Gerichte seien unabhängig, Journalisten und Oppositionelle würden nicht bedroht und es fänden regelmäßig Wahlen statt. (8) Ruanda sei „ein autoritäres System, das soziale Reformen in Gang gesetzt und den Lebensstandard der Massen substanziell verbessert hat.“ (9)

Solchen politischen Willen fordert Seitz in seinem Buch auch bei anderen Regierungen des Kontinents ein. Wie es Axelle Kabou schon 1991 formulierte, sei die „Unterentwicklung“ in vielen Ländern nicht an einem Mangel an Kapital festzumachen, sondern stehe und falle mit dem politischen Willen.

Aktuell erinnere die Situation „in zahlreichen afrikanischen Ländern“ aber eher „an die 1990er Jahre“, wie es der Ökonom und Afrikawissenschaftler Robert Kappel ausdrückt. „Ein Jahrzehnt, das von Kriegen, Staatsstreichen und schweren Nahrungsmittel- und Schuldenkrisen geprägt war.“ Und weiter: „Neo-patrimoniale Regime und Militärs vereiteln interne Reformen, und die Strategien der Weltbank und des IWF wie auch die der Europäischen Union haben dazu beigetragen, dass der Kontinent entmachtet wurde.“

Fazit

In seinem Buch rät Seitz „kleine Organisationen zu unterstützen, die seit Jahren verlässlich und überprüfbar arbeiten und die Menschen wirklich weiterbringen“ (10). Seine Kritik richtet sich gegen das „internationale Entwicklungshilfebusiness“, in dem „Zehntausende von Berufsentwicklungshelfern, die die ewige Hilfe als Broterwerb brauchen“, tätig seien.

Festzuhalten bleibt, dass sich durch das System „Entwicklungshilfe“ ein Profiteurdreieck gebildet hat, bei dem alle Beteiligten miteinander kooperieren: „Neo-patrimoniale Regime“ pflegen Klientelismus, halten ihre Bevölkerungen arm und profitieren von den internationalen Milliarden. Die „Entwicklungshilfe-Industrie“ ist mit der Zeit zu einem Geschäftsmodell geworden und profitiert faktisch von der Armut – daher werden in Kooperation mit den Medien, die, wie Seitz es ausdrückt, „das Elend der Bevölkerung systematisch als Ressource nutzen“ (11), durch Emotionalisierung und Alarmismus regelmäßig neue Gelder eingefordert. Und die Industrienationen profitieren von profitablen Rohstoffzugängen, niedrigen Arbeits- und Umweltstandards, einem breiten Absatzmarkt für die eigenen billigen Industriegüter und von der Aufrechterhaltung der eigenen Vormachtstellung. All dies geschieht zum Leidwesen der breiten Bevölkerung, deren Interessen keine nennenswerte Rolle spielen. Der frühere kenianische Parlamentsabgeordnete David Karanja resümierte schon 2005:

„Die Entwicklungshilfe hat Afrika mehr geschadet, als wir zugeben möchten. Sie hat zu einer Situation geführt, in der es Afrika nicht gelungen ist, sein eigenes Entwicklungstempo und seine eigene Entwicklungsrichtung frei von äußeren Einflüssen festzulegen. Heute werden Afrikas Entwicklungspläne Tausende von Kilometern entfernt in den Fluren des IWF und der Weltbank entworfen. Das Traurige daran ist, dass die Experten des IWF und der Weltbank, die diese Entwicklungspläne entwerfen, Menschen sind, die völlig losgelöst von der lokalen afrikanischen Realität sind.“

Ob der neue Reformplan des BMZ an der Situation etwas ändern wird, ist fraglich. Denn auch wenn nun im Ministerium vom „Fokuskontinent“ gesprochen wird, ist die Wahrheit, dass Afrika bei der deutschen Entwicklungshilfe zuletzt nicht auf den vorderen Plätzen lag. So waren 2023 – mit 35 Milliarden das Jahr mit den höchsten öffentlichen Hilfsleistungen – die mit Abstand größten Empfängerländer Syrien und die Ukraine. Unter den 15 wichtigsten Empfängerländern befanden sich lediglich drei aus Afrika und mit Äthiopien nur ein einziges aus Subsahara-Afrika. Ebenso fraglich ist, ob die Ziele, die für die deutsch-europäische Entwicklungszusammenarbeit im Mittelpunkt stehen, wie „Klimaschutz“, der „Übergang zu einer klimagerechten Wirtschaft“ oder „Digitalisierung“, für den Kontinent tatsächlich die dringlichsten sind.

Heiner Flassbeck und Volker Seitz betonen gegenüber Multipolar, dass ein industrialisiertes Afrika Deutschland und Europa neue Chancen bieten würde. So sagt Flassbeck:

„Per saldo ist es immer positiv, wenn mehr Menschen am Wirtschaftsleben teilnehmen und die Wirtschaft der Länder, die dazukommen, funktioniert. China schadet unserer Wirtschaft ja auch nicht, auch wenn viele etwas anderes glauben. Solange die Außenhandelsbeziehungen weitgehend ausgeglichen sind und keine Seite gewaltige Überschüsse aufbaut, hat das immer positive Folgen.“

Und „mit einer größeren Mittelschicht in Afrika“, so Seitz, entstünde „eine enorme Nachfrage nach Technologie, Maschinen, Fahrzeugen und Dienstleistungen aus Europa“. Lokale Arbeitsplätze und wirtschaftliche Perspektiven vor Ort wären „der effektivste Weg, um die armutsbedingte Migration zu reduzieren“.

Aus einem echten humanistischen Grundgedanken heraus könnte die Entwicklungshilfe – orientiert an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort – für die afrikanischen Nationen eine sinnvolle Unterstützung zu einem Übergang in die ökonomische Eigenständigkeit sein. Aber, betont Seitz, mit „nachvollziehbaren Zwischenschritten“ und „festen Zielvorgaben“. Wenn diese nicht erfüllt werden, müsse das spürbare Konsequenzen haben, notfalls den Ausstieg. „Wir sollten das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe ernst nehmen und vor allem Eigenverantwortung und Eigeninitiative fördern“ (12). Axelle Kabou formulierte es vor fünfunddreißig Jahren mit diesen Worten:

„Entwicklungshilfe würde bedeuten, dass die Afrikaner ermutigt werden, zunächst die psychologischen Vorbedingungen zu schaffen, damit die Idee des Wandels auf guten Boden fällt. Das würde auch bedeuten, dass eine möglichst breite Debatte in Gang kommt, die ganz ohne Komplexe zur Diskussion stellt, was Afrika eigentlich will.“ (13)

Über den Autor: Paul Soldan, Jahrgang 1988, war nach seiner Ausbildung zum Kaufmann für Versicherungen und Finanzen bis zum Jahr 2017 für verschiedene Finanzdienstleistungs-unternehmen in Hamburg tätig. Von 2018 bis 2021 arbeitete er am Volkstheater Rostock, unter anderem als Regieassistent. Seit 2022 ist er als freier Autor und Onlineredakteur tätig – 2022/2023 lebte er über ein Jahr in Afrika. 2024 erschien sein Debütroman "Sheikhi - Ein afrikanisches Märchen" im Anderwelt Verlag.

Titelfoto: Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) und der SPD-Abgeordnete Serdar Yüksel im Dezember 2025 in Äthiopien | Bild: picture alliance / BMZ/photothek.de / Florian Gaertner

Anmerkungen

(1) Seitz, V. (2021), „Afrika wird armregiert – oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“, S. 93
(2) Ebd., S. 106
(3) Ebd., S. 148
(4) Kabou, A. (2009), „Weder arm noch ohnmächtig – Eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weisse Helfer“, S. 34-35
(5) Seitz, V. (2021), „Afrika wird armregiert – oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“, S. 28
(6) Ebd., S. 82
(7) Ebd., S. 74
(8) Ebd., S. 232
(9) Ebd., S. 240
(10) Ebd., S. 253
(11) Ebd., S. 28
(12) Ebd., S. 37
(13) Kabou, A. (2009), „Weder arm noch ohnmächtig – Eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weisse Helfer“, S. 40

Weitere Artikel zum Thema:

MARTIN SUTOR, 13. Juni 2026, 12:20 UHR

Ich habe das Buch von Seitz schon vor vielen Jahren gelesen. Leider ist es in einem unerträglich überheblichen, patriarchalen Stil verfasst, der in beinahe jedem Absatz das "wir (Europäer) wissen besser, was gut für euch ist" duchblicken lässt. Dass zur Korruption stets neben dem Korrumpierten auch der Korrumpierende gehört und Letzterem eher mehr Schuld zukommt, dass IWF und Weltbank seit Jahrzehnten eine unsägliche Rolle in Afrika spielen und dass die erfolgsgeschichte Chinas das einzig vernünftige Vorbild für den Kontinent wäre, all das bleibt unterbeleuchtet oder wird erst gar nicht erwähnt.

Ja, die Entwicklungshilfe war und ist fehlerhaft. Sie bleibt nötig bei akuten humanitären Notfällen, sollte sich mittelfristig aber überleben. Das größere Problem ist die "nördliche" Akzeptanz eines afrikanischen Mitbewerbers, den man ja (siehe China) immer nur so lange gutheißt, wie es dem eigenen Reichtum nützt. Die Afrikaner müssen endlich Herr über ihre Ressourcen werden. Sie müssen selbst entscheiden dürfen, wie sie sie einsetzen und welche Teile ihrer Wirtschaft (anfänglichem) Schutz bedürfen. Ihren Studenten müssen bedingungslos die Türen zu westlichen Universitäten geöffnet werden und das Ausspielen von Konflikten zum Vorteil des Westens (insbesondere durch militärische Unterstützung jeweils einer Seite) muss sofort beendet werden. Mit Thomas Sankara und Patrice Lumumba seien nur zwei afrikanische Führer erwähnt, die so unbestechlich waren, dass sie dafür mit dem Leben bezahlen mussten.

Lesenswerter als das Buch von Seitz sind zu diesem Thema die einschlägigen Kapitel der Bücher von Jean Feyder und Jean Ziegler, sowie insbesondere das hervorragend recherchierte Buch "Der Hunger" von Martin Caparrós.

PAUL SOLDAN, 13. Juni 2026, 19:15 UHR

"Ich habe das Buch von Seitz schon vor vielen Jahren gelesen..."

Dass in dem Buch von Volker Seitz die Rolle des Westens zu kurz kommt, ist zwar richtig, jedoch werden dadurch seine kritisierten Themen nicht weniger relevant oder wahr. Und ob man seinen Stil negativ oder positiv bewertet, bleibt am Ende jedem selbst überlassen.

"Ja, die Entwicklungshilfe war und ist fehlerhaft. Sie bleibt nötig bei akuten humanitären Notfällen, sollte sich mittelfristig aber überleben."

Wie im Artikel ausgeführt, ist genau das [humanitäre Nothilfe] die Entwicklungshilfe ja gerade nicht bzw. sollte es eigentlich nicht sein. Beide sind zwei verschiedene Hilfsleistungen mit unterschiedlichen Aufgaben.

SIGRID PETERSEN, 17. Juni 2026, 16:40 UHR

„Mach deinen Nachbarn reich!“ müsste das eigentliche Credo jedweder „Entwicklungshilfe“ lauten. Umgekehrt wird ein Schuh draus, wie hier im Artikel schön dargestellt. M.E. ist es, abgesehen von ein paar ehrlichen Idealisten vor Ort, mit der Entwicklungshilfe seitens des „Westens“ noch nie darum gegangen, die Entwicklungsländer auf ein Niveau zur Augenhöhe zu bringen. Dann wären sie ja Konkurrenz und nicht mehr ausbeutbar.

Sehr schön auch an den „klimafreundlichen Ausbauprojekten“ (Wasserstoff und ähnliches) gerade auf dem afrikanischen Kontinent zu beobachten. Es glaubt doch wohl niemand den wohlfeilen Sprachmodulationen eines Habecks o.Ä., dass die sich beteiligenden afrikanischen Staaten davon ausreichend profitieren werden?

So wie Deutschland und Europa mit der Energiewende deindustrialisiert werden, werden afrikanische Staaten mit Erneuerbaren keine Chancen auf Wohlstand erleben. Denn verlässliche, preisgünstige Energie ist Grundlage jedes Wohlstandes einer Gesellschaft.

Die eigenen Energieressourcen selbst zu fördern, zu verarbeiten und zu nutzen, hat man in diesen Ländern seit Generationen unterbunden. Genau zu diesem Zweck. „Halte sie arm und dumm, dann geht es uns gut!“ Ja, mach deinen Nachbarn reich, dann kannst du fairen Handel treiben und allen geht es damit gut.

Betreffend die "Entwicklungshilfeindustrie" will ich hier Asylindustrie, Klimaindustrie, Pandemieindustrie, Kriegsindustrie etc. anfügen. Alles Projekte, für die Probleme "geboren" und Lösungsunternehmer gleich mitgeliefert werden.

Kommentieren

Zum Kommentieren bitte anmelden.