Teelichter der Ambivalenz
WALTER VAN ROSSUM, 16. März 2026, 1 Kommentar, PDFAnlässlich des vorletzten israelisch-amerikanischen militärischen Überfalls auf den Iran im Juni 2025 bedankte sich Bundeskanzler Friedrich Merz bei den Israelis für die geleistete „Drecksarbeit“. Darauf antwortete der Schriftsteller Navid Kermani – Sohn iranischer Einwanderer – in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Wer Respekt vor der Drecksarbeit hat, Bomben auf Zivilisten abzuwerfen, ist selbst ein Dreckskerl.“ Das ließ aufhorchen. Gab es womöglich Risse im Schweigekartell der deutschen Haute Intelligenzija?
Fünf Jahre lang hatte man zu den Verwerfungen des Corona-Regimes entweder tapfer geschwiegen oder sich gar in den Dienst dieses Regimes gestellt. Ähnlich ging es weiter mit den nachfolgenden Ausnahmezuständen, sei es der russisch-ukrainische Krieg, sei es der Angriff der Hamas auf Israel mit dessen anschließendem Genozid in Gaza. In diesen Jahren etablierte sich jener Extremismus der Mitte, der jeden, der den äußerst schmalen Streifen „unserer Demokratie“ überschritt, nicht einfach zur Opposition verdammte, sondern gleich aus der Öffentlichkeit verbannte, kriminalisierte und pathologisierte.
Dieser Putsch der Demokraten geschah und geschieht vor aller Augen – doch die leitenden Angestellten der Staatskultur wollten das nicht sehen oder beteiligten sich gar an der allmählichen Totalisierung der Verhältnisse. Man durfte gespannt sein, ob Navid Kermani – „einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands“ (Wikipedia) – mit seinem Roman „Sommer 24“ eine Art intellektuelle Offensive gegen den Stand der Dinge einleiten würde.
„Von einigen Begebenheiten der letzten Monate möchte ich berichten.“ So beginnt der Roman, und man weiß nicht, ob diese Begebenheiten sich tatsächlich so zutrugen. Nur der Ich-Erzähler Navid Kermani weist deutliche Verwandtschaft mit dem realen Autor auf. Die erste dieser Begebenheiten führt an das Sterbebett eines Münchener Galeristen namens Rudolf Meyer. Der Mann ist lebensmüde, nach dem Tod seiner Frau, der Insolvenz seiner Galerie und nach einem Unfall liegt er hochbetagt und schwerkrank im Bett und hat alles für seinen Freitod vorbereitet. Doch am Abend zuvor empfängt er noch den als „Bekannten“ bezeichneten Ich-Erzähler. Nicht ganz klar, was die beiden verbindet.
Deutlicher sind die Brüche. Denn Meyer hatte sich in den letzten Jahrzehnten zu einem radikalen Zionismus bekannt, der die Palästinenser – zumal nach dem 7. Oktober – zum Abschaum erklärte, die Schlächtereien im Gaza lauthals begrüßte und gar von einer Atombombe träumte. Zuvor hatte er eine gewisse traurige Berühmtheit erlangt, als er Menschen, die künstlicher Befruchtung entstammten, als Monster schmähte. Meyer, Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, trat schließlich sogar der AfD bei. Den Ich-Erzähler verblüfft und berührt, dass Rudolf Meyer am Vorabend seines Freitods alle Religion und alle Gesinnungserregung hinter sich gelassen zu haben scheint und sich Erlösung allein vom Versinken in ein namenloses Nichts verspricht.
„Ende der liberalen Demokratie“?
Bevor er von der nächsten Begebenheit erzählt, erinnert Kermani an die politischen Hintergrundgeräusche des Sommers 24. Die Nationalisten feierten Erfolge bei der Europawahl im Juni. In Frankreich hätte die Rechte bei den bevorstehenden Wahlen gewinnen können. In den Vereinigten Staaten schien ein Wahlsieg von Donald Trump immer wahrscheinlicher. Alles in allem drohte dem Westen „nicht weniger als das Ende der liberalen Demokratie.“
Glaubt der Autor wirklich, dass es die liberalen Demokratien da noch gab? Kermani plaudert im Stil der Demokratieretter. Der russisch-ukrainische Krieg und die europäische Kriegsbegeisterung kommen in seinen Sommererlebnissen erst gar nicht vor.
Und dann die Hochzeit. Wieder lösen sich die geläufigen Raster des Realen auf, türmt sich Ambivalenz. Die Tochter eines alten Jugendfreundes heiratet. Der heißt Olaf und ist ein in die Jahre gekommener Ökofundamentalist, ewiger Palästinabefreier, charmant, irgendwie Lebenskünstler und irgendwie übrig geblieben. Die Tochter hat um Haaresbreite das islamistische Attentat am Breitscheidplatz überlebt, jetzt heiratet sie einen muslimischen Senegalesen, der indes in Paris lebt und bereits als künftige Koryphäe der französischen Eliten gehandelt wird. Gefeiert wird im glänzenden Rahmen auf einer griechischen Insel. Reiche Afrikaner und reiche Europäer mischen sich mit ausgelassenen Griechen. Die Hochzeit geht mit christlichen, muslimischen und afrikanischen Tänzen, Riten und Segen über die Bühne. Zum guten Ende in den frühen Morgenstunden springt ein Teil der edlen Gäste sirtakibeflügelt glatt noch ins Mittelmeer. Was soll man sagen? Ein großartiges Fest. Der Erzähler grübelt, wie das wohl möglich war, wie so viel scheinbar Disparates zu einer großartigen Orgie des Glücks zusammenfließen konnte. Eine kleine im Vorübergehen gestiftete Utopie aus der Asche der Auflösung?
Alles klärend Politische vermeiden
Man ahnt bald, dass die meisten jener „Begebenheiten“ in diesem Roman in der literarischen Petrischale geklont wurden als Argumente eines reichlich wirren Beweisgangs. Kermani springt zwischen Realität und Fiktion, um das eine mit dem anderen zu infizieren. An seinen Fiktionen interessiert ihn vor allem eines: Er zieht das Chaos der laufenden politischen Verwerfungen, die Auflösung der alten Welt mitsamt ihren korrespondierenden Wallungsworten in seine Lebenswelt, um sie dort als verwirrende menschliche Tragödien oder Glücksfälle zu bebrüten. So macht man sich zum politischen Autor gefeiert und vermeidet doch alles klärend Politische. Es stimmt schon: Alle sind ein wenig aus dem Tritt geraten, überwältigt von dem, was sich da mit ungeheurer Wucht Bahn bricht. Doch was hindert daran zu verstehen, dass da ein atemberaubender Reset geschieht und dass es Akteure gibt und mancher weder dem System noch den Akteuren folgen will? Auch wenn noch lange nicht bis auf den Grund der Abgründe gesehen werden kann.
Kermani hingegen hält sich entschlossen anschlussfähig für die Extremisten der Mitte und spielt den unerschrockenen Intellektuellen. Es mag radikal klingen, einen solchen Extremisten wie Merz einen Dreckskerl zu nennen. Man könnte darin aber auch einen Trick vermuten. So kann man die verbrecherischen Kriege gegen den Iran als sinnlos oder gar kontraproduktiv verurteilen, ohne die dahinter liegenden Absichten ins Visier zu nehmen.
Wäre es nicht der Moment, das Offensichtliche beim Namen zu nennen? Weder geht vom Iran eine dringliche Bedrohung aus, noch dürften Israel und die USA besonderes Interesse an einer zivilgesellschaftlichen Erneuerung des Landes haben. Es geht wohl vielmehr um imperiale und geopolitische Interessen. Doch Kermani spielt lieber auf der moralischen Klaviatur: wie verwerflich, den Tod von Zivilisten zu beklatschen. Merz ist ein Skandal, doch ist er nicht ein systemischer Skandal? So weit will „einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland“ dann doch nicht gehen. Er bevorzugt, sich literarisch in einer Zwickmühle einzurichten, um so in edler Ambivalenz zu verharren. Die Realität ist komplex, ungemütlich und sehr viel gefährlicher für hochdekorierte politische Schriftsteller. Als solcher hält er sich literarisch und als Intellektueller analytisch offenbar lieber an den Rahmen beliebiger Tagesschau-Politikberater – und dient so als Modell seiner Zunft.
Kermani erinnert sich, wie er als 11-Jähriger an der Hand seines Vaters Ajatollah Khomeini in seinem Pariser Exil besuchte. Unvergesslich die kurze Begegnung mit dem Religionsführer, dem er in die Augen schauen durfte. Unvergesslich die Stimmung von Aufbruch und Befreiung. Und dann die Wut, was die Mullahs aus der islamischen Revolution gemacht haben. Die Brutalität der Regierung mit Zehntausenden von Toten. Nein, an seiner Parteinahme hat er nie Zweifel gelassen, ebenso wenig hat er den verschiedenen Bombardierungen des Iran seinen Segen erteilt. Doch hat er je mit nämlicher Klarheit die andere Geschichte erzählt? Etwa die, mit welchen Mitteln die westliche Wertegemeinschaft seit 50 Jahren den Iran mit militärischen und wirtschaftlichen Mitteln zu vernichten versucht? Im wörtlichen Sinne: vernichten. Angefangen mit dem irakischen – westlich kuratierten – Krieg, den aus deutschen Landen gelieferten Giftgasen bis zu den verheerenden Sanktionen der letzten Jahrzehnte und zuletzt dem organisierten Angriff auf die iranische Währung.
Davon spricht Kermani in seinen Leitartikeln und auch in seinem Roman mit keinem Wort. Sieben muslimische Länder haben USA & Co in den letzten 40 Jahren in rauchende Trümmerhaufen gebombt. Das entschuldigt nicht die Gräueltaten des „Regimes“, aber das sind die Kontexte, die man beim Namen nennen kann. Im Januar dieses Jahres trommelte der Autor für ein Tribunal, dass eine strafrechtliche Verfolgung der Täter für die Toten bei den Demonstrationen im Iran fordert. Aber warum im Schwung gerechter Empörung nicht gleich das Engagement ausweiten für ein Tribunal gegen die USA und Israel? Es ist leicht, dem ausgedachten Galeristen Rudolf etwas menschliche Emphase für die zusammengeschossene Welt der Palästinenser im Gazastreifen abzuverlangen. Es ist ein bisschen gefährlicher, die Verhältnisse in Israel politisch zu analysieren. Mit weißer Weste käme da niemand davon.
Versunken in Andacht vor der Unlösbarkeit
„Politisch zu denken, bedeutet die Welt in ihrer Ambivalenz, Widersprüchlichkeit und Komplexität verstehen zu wollen“, hat Kermani mal geschrieben. Wie zur Rechtfertigung züchtet er in seinem Roman eine ambivalente, widersprüchliche und komplexe Welt und versinkt in Andacht vor ihrer Unlösbarkeit. So bleibt man ein politischer Autor, ohne politisch zu werden. Von dieser Operation erzählt der Roman. Man schlägt die Realität mit einer gewissen Unlesbarkeit. Alles scheint von Widersprüchen verhext: der gesinnungswütige Galerist, der sich in die Leere verabschiedet, die unbegreiflich grandiose Hochzeit der Religionen und Ethnien – das Scheitern und die Symphonie des Gelungenen, alles auf kakophonem Sand gebaut. Wer will, wer kann das noch durchschauen? Man darf vermuten, Kermani spricht im Namen seiner Branche.
Oder soll man sagen, Kermani schweigt im Namen seiner Branche? Dieses penetrante Schweigen konnte man kürzlich aus nächster Nähe beobachten. Am 3. März nämlich traf der Schriftsteller im Hamburger Schauspielhaus auf einen Politiker, der den Sommer 2024 wie kaum ein anderer geprägt haben dürfte: Altbundeskanzler Olaf Scholz. Vermutlich wurde dieses Rencontre als Reklamecoup des Verlags ersonnen. Einerseits.
Anderseits kam man bei Kermani eine gewisse Neigung zum staatsmännischen und staatstragenden Auftritt beobachten. Erinnert sei an seine „mutige“ „Danke Deutschland!“-Rede zum Jubiläum des Grundgesetzes im Deutschen Bundestag 2014. So mutig, dass gar ein CSU-Abgeordneter den Plenarsaal verließ. Umgekehrt hielt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die Laudatio auf Kermani anlässlich der Verleihung des Staatspreises des Landes NRW 2017 und lobte ihn als Zeugen einer „Welt aus den Fugen“ und als Komplexitätsspezialisten. Irgendwie kam der einflussreiche deutsche Intellektuelle sogar ins Gespräch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Genug Steinmeier an Bord hätte er.

Der Auftritt im Hamburger Schauspielhaus zusammen mit Olaf Scholz mag als Promoshow für seinen Roman geplant gewesen sein, doch dann kam der 28. Februar dazwischen – der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Israels und der USA gegen den Iran. Mit Olaf Scholz über Literatur zu reden, durfte von vorneherein ziemlich aussichtslos erscheinen. Der FAZ-Redakteur Andreas Platthaus, der dem Hamburger Gipfeltreffen beiwohnte, vermutet gar, dass Scholz den Roman gar nicht gelesen habe, jedenfalls habe er kein Wort darüber verloren. Doch was für eine Gelegenheit für einen der führenden deutschen Intellektuellen, dem Mann mal ein paar Fragen zu stellen, der die Zeitenwende proklamiert, der Deutschland in ein Aufmarschgebiet für einen Krieg gegen Russland verwandelt und der den barbarischen Genozid im Gaza zur deutschen Staatsräson erhoben hat. Scholz kommt zwar in dem Roman mit keinem Wort vor, aber der Altkanzler habe „immer kluge Gedanken“, erklärt der Schriftsteller. Zeitenwende zum Beispiel?
Aber davon ist nicht die Rede, und überhaupt ist kein kluger Gedanke an diesem Abend im Gedächtnis geblieben. Scholz bescheinigt ihm „Ambivalenzkompetenz bei dessen Figurenschilderung“. Kermani verdammt in drastischen Worten die iranische Führung, das israelisch-amerikanische Bombardement hält er für wenig sinnvoll, doch „Dreckskerl“ will er in dieser Kathedrale des Geistes niemanden nennen. Obwohl doch wieder Tausende unschuldige Zivilisten und die Rebellen gegen das „Regime“ der Drecksarbeit zum Opfer fallen. Komplexes politisches Denken? Kermani erklärt, wie verunsichert er durch seine Romanfiguren sei. Das war ihr Zweck. Das reicht für einen Gesinnungsabgleich mit Olaf Scholz. Der immerhin äußert vage Zweifel daran, ob man mit den Mitteln eines Kriegs „demokratische Strukturen“ im Iran schaffen könne.
Die Welt brennt, und im Hamburger Schauspielhaus glimmen die Teelichter der Ambivalenz. Besser hätte man die Farce des amtierenden deutschen Geisteslebens kaum auf die Bühne bringen können.
Navid Kermani, „Sommer 24“, Hanser, 158 Seiten, 23 Euro
Über den Autor: Walter van Rossum, Jahrgang 1954, schloss seine Studien der Romanistik, Philosophie und Geschichte in Köln und Paris 1988 mit einem Doktortitel ab. Er arbeitete als freier Autor unter anderem für den Deutschlandfunk, die ZEIT und die FAZ. 2004 erschien „Meine Sonntage mit Sabine Christiansen“, 2007 „Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“. 2021 folgten „Meine Pandemie mit Professor Drosten: Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen“ sowie „Die Intensiv-Mafia: Von den Hirten der Pandemie und ihren Profiten“. Bis 2021 moderierte er die Buchsendung „Gutenbergs Welt“ im WDR-Hörfunk.
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