Welcher Journalismus hat Zukunft?
PAUL SCHREYER, 15. August 2025, 14 Kommentare, PDFDer Text, der als Telepolis-Leitartikel am 13. August erschien, fährt rhetorisch schweres Geschütz auf: Macher und Leser von oppositionellen Medien wie Multipolar würden eine „antiaufklärerische Symbiose“ bilden, hätten sich „eine eigene Realität geschaffen, in der sie die einzigen Wahrheitsverkünder sind und alle anderen Teil einer großen Täuschung“. Berechtigte Kritik würden sie „durch ihre Radikalisierung diskreditieren“. Alles in allem schrieben Multipolar und andere nur für die eigene kleine Filterblase, hätten deshalb keinen gesellschaftlichen Einfluss und würden „auf gesellschaftliche Wirkmacht verzichten“.
Bei Telepolis sei das anders. Das Magazin halte unter seiner, Neubers, Führung die journalistischen Standards hoch, in seinen Worten eine „Neuausrichtung“, verglichen mit der Zeit unter seinem Vorgänger, dem Telepolis-Gründer Florian Rötzer, von dem er die Leitung des im Heise-Verlag erscheinenden Magazins 2021 übernommen hatte. Telepolis sei jetzt eine „verlässliche Quelle“ geworden, halte sich „an überprüfbare Standards“ und werde daher „ernst genommen“. Multipolar und andere oppositionelle Medien hingegen hätten sich „für einen anderen Weg entschieden“.
Das ist eine ganze Menge an Vorwürfen – und auch eine ganze Menge Eigenlob. Woher dieser Rundumschlag auf einmal, im Sommer 2025? Klar ist: Es gibt eine Vorgeschichte zu diesem Text. Das ist keine direkt persönliche Vorgeschichte, da weder ich oder mein Herausgeberkollege Stefan Korinth den Telepolis-Chefredakteur persönlich kennen. Jedoch hat Multipolar in mehreren Meldungen, zuletzt zwei Mal im Juli dieses Jahres über Neubers radikalen und in der Branche beispiellosen Kurs berichtet, sich von allen Texten, die unter seinem Vorgänger Florian Rötzer publiziert wurden – 70.000 an der Zahl –, pauschal zu distanzieren und den Zugang zu diesen zeitweise sogar vollständig zu sperren. Multipolar war eines der wenigen Medien, die diese Vorgänge kritisch beleuchtet haben.
Telepolis als journalistische Heimat
Zu dieser Berichterstattung unseres Magazins gibt es seinerseits eine Vorgeschichte – und die ist dann doch auch eine persönliche. Kurz gesagt: Telepolis war einmal meine journalistische Heimat, ein ganzes Jahrzehnt lang, bis 2019. Auch mein Kollege Stefan Korinth hat dort viel publiziert, bevor wir gemeinsam mit Ulrich Teusch 2020 Multipolar gründeten.
Ich selbst war als Schreiber noch so gut wie nirgends in Erscheinung getreten, als der damalige Chefredakteur Florian Rötzer im Jahr 2008 einen Artikel von mir veröffentlichte. Das Thema damals: Geopolitik und mediale Doppelmoral. Ich war ein Neuling in der Branche, hatte nichts vorzuweisen, keine Artikel, keine Bücher, keine akademische Ausbildung, keine Zeitungserfahrung. Für Rötzer war das nicht ausschlaggebend. Er fand den Text lesenswert und veröffentlichte ihn.
Das Magazin bot unter seiner Leitung immer wieder Quereinsteigern, Neulingen und unbekannten Stimmen ein Forum – ungewöhnlich zu der Zeit in der Branche. Die Perspektive war breit, das Magazin eine Fundgrube, spannend zu lesen, vielseitig und vor allem eines: unangepasst. Dafür wurde es von seinen Lesern geschätzt. Was die Autoren darüber hinaus schätzten, war die liberale, freigeistige Haltung der Chefredaktion. Ich selbst kann mich an keinen Fall in zehn Jahren Arbeit erinnern, bei dem mir seitens der Redaktion in einen Text hineingeredet wurde. Das ist zweischneidig, da ein Diskussionsprozess zwischen Autor und Redaktion vor Veröffentlichung – bei Multipolar gibt es diesen – einen Text einerseits verbessern kann, andererseits aber auch die Möglichkeit zur Zensur von Unliebsamem eröffnet. Beim alten Telepolis gab es nichts davon. Die Vielfalt der Meinungen, die Freiheit des Schreibens, die volle Unabhängigkeit der Autoren waren ausdrücklich erwünscht. Auch scharfe Kritik an meinen Texten erschien dort. Das Magazin war 25 Jahre lang ein ungewöhnlich offenes Debattenforum.
Selbst entdeckt hatte ich es 2001 durch eine Artikelreihe zu 9/11 von Mathias Bröckers, die damals Hunderttausende lasen und in der die vorherrschende Sicht gründlich und faktenbasiert gegen den Strich gebürstet wurde. Nach Start von Bröckers´ Artikelreihe verdoppelten sich die Aufrufzahlen des Magazins. Florian Rötzer selbst sah manche der kritischen Überlegungen zu 9/11 skeptisch, ließ diese aber immer zu, versuchte nichts glattzubügeln. Telepolis bekam damals Preise, so etwa 2000 einen Europäischen Preis für Online-Journalismus in der Kategorie „Investigative Reporting“ oder 2002 den Grimme Online Award.
Das neue Telepolis
Das neue Telepolis ist anders. Und die Entscheidung Neubers, sich von den alten Texten, die sein Vorgänger als Chefredakteur verantwortete, zu distanzieren und den Zugang zu ihnen erst monatelang zu blockieren und dann aus dem Archiv des Magazins in einen extra Bereich abzusondern, macht für mich vor allem eines deutlich: Das Magazin wird auf Akzeptanz bei den Etablierten hin getrimmt, dargestellt als Rückbesinnung auf journalistische Standards, die unter seinem Vorgänger angeblich nicht ausreichend beachtet wurden.
Mich überzeugt diese Argumentation nicht. Neuber selbst bringt auch keine konkreten Beispiele, nennt keine Autoren und Artikel, bei denen denn Standards verletzt worden wären. Dazu kommt: Er selbst hatte noch unter der Leitung seines Vorgängers mehr als 1.000 Artikel bei Telepolis veröffentlicht, in dieser Zeit aber nie mangelnde Standards öffentlich beklagt. Er gehört also selbst zu eben dem alten Telepolis, von dem er sich nun distanziert.
Sein Text macht zudem deutlich, dass er Telepolis insgesamt vom Bereich der Alternativmedien – Multipolar spricht stattdessen von „oppositionellen Medien“ – distanziert und zu diesen keinesfalls gezählt werden will. Hier hat Neuber eine Wandlung vollzogen. Kurz nach Amtsübernahme 2021 hatte er in einem Interview noch unmissverständlich erklärt: „Wir verstehen uns als alternatives Medium.“ Davon scheint er mittlerweile abgerückt zu sein.
Neuber räumte zuletzt ein, er wolle nicht, dass sein Magazin „journalistisch und übrigens auch unternehmerisch mit bestimmten Autoren und bestimmten Inhalten in Verbindung gebracht wird“. Telepolis habe „schmerzlich erfahren, wie eine Redaktion in eine Echokammer abdriften kann, wenn Verschwörungstheorien überhandnehmen“. Als Redaktion habe man „daraus gelernt“ und „Konsequenzen gezogen“. Er erwähnte auch, dass es Texte mit kritischen Sichtweisen zu ganz bestimmten Themen sind, die ihn am alten Telepolis nachträglich stören: 9/11, Flüchtlingskrise, Corona. Es sind eben die Themen, bei denen ein selbstverordneter Konsens die Berichterstattung der großen Medien seit Jahren lähmt – eine Lähmung, in die sich das neue Telepolis einfügt. Dieser Wandel, diese Lähmung stimmen mich traurig, gerade wegen meiner engen Verbindung zu dem Magazin.
Trugbild des „neutralen Journalisten“
Neubers aktueller Text mit seiner Kritik an Multipolar ist eine Reaktion auf eine E-Mail von mir, die ich ihm schrieb, ausgelöst durch einen zuvor erschienen Beitrag von ihm, in dem es geheißen hatte:
„Medien wie Multipolar, Manova, Overton oder andere vergleichbare spielen in der breiten Öffentlichkeit fast keine Rolle. Das ist auf das Selbst- und Weltbild dieser Medien zurückzuführen, die für eine beschränkte Klientel publizieren. Sie predigen zu den bereits Bekehrten, bewegen sich in geschlossenen Zirkeln und verzichten damit auf gesellschaftliche Wirkmacht. Telepolis hat einen anderen Weg gewählt: Wir haben die kritische Haltung aus unserer Vergangenheit bewahrt, aber gleichzeitig erhebliche Erfolge in der redaktionellen und unternehmerischen Entwicklung erzielt.“
Ich machte ihn daraufhin auf den Widerspruch aufmerksam, einerseits zu beklagen, dass gegenwärtig die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus zunehmend verschwimme, im gleichen Atemzug aber zu erklären, dass ein Medium, das „etwas verändern will“, „nach Reichweite streben“ müsse, um „Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs zu nehmen“. Was ich damit zum Ausdruck bringen wollte, war, dass das von Neuber beworbene Ideal des „neutralen Journalisten“ meiner Ansicht nach ein Trugbild ist. Jede Chefredaktion hat eine politische Haltung und verfolgt politische Ziele – so ehrlich sollte man sein.
Neuber hingegen macht eine vermeintlich saubere Trennung auf: Hier die guten Medien, die dem Aktivismus abschwören („keine versteckten Agenden, keine ideologischen Scheuklappen, sondern professioneller Journalismus mit klaren Standards“), dort die schlechten, die offen politische Ziele verfolgen und keine Standards einhalten. Zu seiner Ablehnung von jedem Aktivismus erklärt er: „Bei Telepolis schreiben und arbeiten nur noch Personen mit, die sich streng an journalistische Regeln halten.“ Als ob damit – und das ist aus meiner Sicht die Irreführung in seiner Argumentation – die politischen Ziele einer Chefredaktion ausgelöscht würden.
Mich hat diese Irreführung – beziehungsweise dieser Selbstbetrug – geärgert, gerade auch weil er so weit verbreitet ist und viele etablierte Journalisten so reden und den Eindruck vermitteln, als könnten sie es selbst nicht besser wissen. Als wäre ihnen nicht klar, dass es den Journalismus des „neutralen Beobachters“ so nicht geben kann – sondern nur die ehrlich erklärte politische Positionierung eines Journalisten oder aber den Versuch, die eigene Agenda zu verschleiern („keine ideologischen Scheuklappen, sondern professioneller Journalismus“).
Hohe Klickzahlen: „Der Erfolg gibt uns recht“?
Mich irritiert noch anderes am neuen Telepolis, etwa der in Überschriften zur Schau getragene Stolz auf hohe Klickzahlen, verbunden mit der Einschätzung: „Der Erfolg gibt uns recht.“ Das ist mir persönlich, mit Verlaub, zu billig. Auch da Neuber sich nicht zu schade ist für Clickbaiting, wie man es von Boulevardmagazinen kennt: in die Artikel eingebettete einminütige Kurzvideos zu trivialen Themen, die die Aufmerksamkeit der Leser binden sollen („Fünf Email-Hacks, die Du nicht kanntest“, „The craziest designs of the future“, „Fünf erstaunliche Verkehrsfakten“). Solche Beiträge, die mit Journalismus kaum etwas zu tun haben, wären beim alten Telepolis nicht denkbar gewesen.
Neuber ist stolz darauf, dass die Betriebskosten des Portals unter seiner Führung nun „zu über 50 Prozent gedeckt“ werden könnten, was „ein absolutes Novum in der fast 30-jährigen Geschichte dieses Mediums“ sei. Was er nicht erwähnt: Die niedrigen Honorare für die Autoren haben sich seit 20 Jahren nicht erhöht. Der wirtschaftliche Erfolg baut auf dem finanziellen Ausbluten der eigenen Mitarbeiter. Wie nachhaltig soll das sein? Es war eines der Motive, Multipolar zu gründen, dass wir als Herausgeberteam uns und allen unseren Autoren faire und auskömmliche Honorare zahlen wollten – und dies dank der stabilen Finanzierung durch unsere Leser tatsächlich auch können.
Freier Journalismus braucht Publikumsfinanzierung
Die Vielfalt der Unterstützer ist ein wesentlicher Unterschied zu Telepolis, das letztlich vor allem einem gefallen muss – dem Heise-Verlag und dessen Eigentümern. Es ist das Dilemma aller etablierten Medien. Ein freier, kritischer Journalismus findet immer dort seine Grenzen, wo der Eigentümer, dessen ökonomische Vorgaben oder die Werbekunden sie setzen. Daher bleibt die Leserfinanzierung das einzige Modell, freien Journalismus zu ermöglichen – nicht zu garantieren, aber eben die Grundlage zu schaffen, die sonst überall fehlt, von SPIEGEL bis Telepolis. Auch die Rundfunkgebühren sind eine solche Publikumsfinanzierung – wobei der kleine und feine Unterschied zu Multipolar bei ARD und ZDF die fehlende Freiwilligkeit der Zahlungen ist.
Neuber hat sicher recht darin, dass einige Medien im oppositionellen Bereich nicht ausreichend auf journalistische Standards achten. Doch diese Kritik verdienen auch viele etablierte Medien. Es ist ein allgemeines Problem der gesamten Branche.
Was seine konkreten Vorwürfe gegenüber Multipolar angeht, so sind diese weitgehend aus der Luft gegriffen. Multipolar hat sich „in einer ideologischen Echokammer isoliert“ und verzichtet damit „auf jede Möglichkeit, breitere gesellschaftliche Debatten zu beeinflussen“? Die politischen Reaktionen auf unsere Veröffentlichung der RKI-Protokolle lassen eher anderes vermuten. Multipolar bedient „eine kleine, aber treue Anhängerschaft mit dem, was diese hören will“? Unsere Beiträge etwa zur Frage, ob das Coronavirus eine Biowaffe ist, führten in diesem Jahr zu wütendem Protest vieler Leser, inklusive Abonnementskündigungen. Auch ein Text zum Pandemievertrag stieß zuletzt auf Gegenwind bei vielen Lesern. Multipolar missachtet journalistische Standards? Dieser Vorwurf wird vom Telepolis-Chef ohne konkrete Belege vorgebracht.
Was bleibt, ist Neubers Unbehagen mit 9/11. In seinem Text geht er auch auf meinen letzten Artikel ein, der unter anderem den medialen Umgang mit einem Aspekt der Terroranschläge aufgreift. Neuber spricht von „angeblichen Ungereimtheiten“, an denen ich mich „abarbeite“. Er sieht darin eine befremdliche „Fixierung auf längst diskutierte Verschwörungsnarrative“. Längst diskutiert aber ist tatsächlich wenig von dem, was in dem Artikel steht, es sind im Gegenteil weitgehend unbekannte Informationen, deren Diskussion aber weiterhin erschwert wird, gerade auch durch Journalisten, die es besser wissen könnten.
Alles in allem scheinen die Vorwürfe des Telepolis-Chefs eher einer vorgefassten Meinung gegenüber kleinen oppositionellen Medien insgesamt zu entsprechen, von denen Neuber sich abzugrenzen versucht.
Unterordnung unter vermeintliche Autoritäten
Kritisch sehe ich beim Telepolis-Chef auch das Unterordnen unter vermeintliche journalistische Autoritäten wie etwa den Presserat. Dass dies zu Problemen führen kann, musste Neuber zuletzt selbst erfahren. Während er im Mai dieses Jahres in einem Text noch stolz hervorhob, dass der Presserat die eingegangenen Beschwerden gegen Telepolis in allen Fällen abgewiesen habe (Überschrift: „Telepolis überzeugt mit Sorgfalt und Transparenz“), berichtete er schon drei Monate später im August dann empört – nachdem die gleiche Instanz das Magazin dann überraschend doch einmal kritisiert hatte –, dass er mit dem Presserat künftig nicht mehr zusammenarbeiten wolle. Bitter konstatierte er: „Die gesamte Zusammenarbeit band nur Arbeitskraft, war inhaltlich aber sinnfrei. (…) Mit dem Presserat, so wie derzeit aufgestellt, ist keine seriöse, an der Sache orientierte Auseinandersetzung möglich.“
Bei Multipolar haben wir schon vor einiger Zeit entschieden, nicht die Selbstverpflichtung zu unterschreiben, die der Presserat gegen die Zahlung von Mitgliedsbeiträgen anbietet – wie viele andere Medien es tun, auch um vor den Zugriffen der Landesmedienanstalten geschützt zu sein. Wir haben vielmehr kritisch über den Presserat berichtet und analysiert, wie dessen Entscheidungen immer wieder inkonsistent sind und in der Praxis meist einfach dem Mainstream folgen.
Das neue Telepolis ist auch stolz auf eine hohe Punktzahl in der Bewertung durch das US-Portal NewsGuard, eine andere vermeintliche journalistische Autorität, über deren Interessenkonflikte und politische Schlagrichtung Multipolar mehrfach berichtete.
Welche Art von Journalismus Zukunft hat, wird sich am Ende nicht an reinen Klickzahlen oder am Lob solcher Institutionen messen lassen. Vielleicht sind es eher die gründlich recherchierten, gut belegten Artikel, die etablierte Sichtweisen hinterfragen, als der gängige News-Journalismus, der möglichst viele, oft redundante Texte in kurzer Zeit bringt. Aus meiner Sicht geht es aber vor allem auch um Ehrlichkeit und um Respekt. Ehrlichkeit gegenüber den Lesern über das, was man als Journalist erreichen möchte und Respekt gegenüber den Vertretern anderer Positionen. Das wird nicht immer viele Klicks bringen, der Gesellschaft insgesamt aber sicher nützen – so bleibt zumindest zu hoffen.
Diskussion
14 Kommentare