„Groteske Modellierungen“: Mediziner kritisieren mangelhafte Corona-Datenlage

Medizinische Fachgesellschaften in Brandenburger Corona-Enquete-Kommission bemängeln „wenig nachvollziehbare“ politische Entscheidungen in Corona-Krise / Auch Kritik an Experten-Auswahl für Politikberatung / Debatte zum Umgang mit wissenschaftlichen Kontroversen: Mitglieder der Enquete-Kommission „irritiert“ und „betroffen“ über Absage der Gesellschaft für Virologie

11. September 2026
Potsdam.
(multipolar)

Experten unterschiedlicher medizinischer Fachgesellschaften haben in der jüngsten Sitzung der Brandenburger Corona-Enquete-Kommission am vergangenen Freitag die mangelhafte Datenlage kritisiert, die den Corona-Maßnahmen zugrunde lag. So bemängelte Peter Walger, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaus-Hygiene „groteske Modellierungen“, die „Fehlbewertung von Teildaten“ sowie „Nichtbewertung vorhandener Daten“ in bestehenden Überwachungssystemen (ab 39:34). Christian Brandt, der die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie vertrat, sprach von politischen Entscheidungen, die oft „spontan, teilweise wenig nachvollziehbar“ gefällt worden seien (ab 23:28). Als Beispiel nannte er die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK).

Laura Arnold von der Deutschen Gesellschaft für Public Health erklärte mit Blick auf die Quarantäneregelungen für Schulen und Kindertagesstätten, dass gerade zu Beginn der Corona-Krise „die Evidenzlage lückenhaft“ gewesen sei (ab 47:11). Es habe wenig Kenntnis über Sekundärfolgen gegeben, etwa Auswirkungen auf Bildungsverläufe oder die psychische Gesundheit. Da die Maßnahmen stets gebündelt in Kraft getreten seien, habe dies die Evaluierung einzelner Regelungen erschwert. Der an der Universität Graz forschende Soziologe Klaus Kraemer sprach von einer „Krise der politischen Kultur und einer Krise des Wissens“ (ab 1:35:59). Der wichtigste Grundsatz bei einer Pandemie sei es, auf „Politisierung“ (ab 3:01:46) zu verzichten. Es sei „eindeutig“, „dass auf einer solchen unsicheren Datenlage keine Grundrechtseinschränkungen legitimiert werden können“ (ab 5:26:57).

Kraemer stellte fest, die „Gefahrenabwehr“ habe „Vorrang gehabt“. Wer die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Zweifel gezogen habe, „stand im Verdacht zu verharmlosen oder zu relativieren“. Risiken seien nicht mehr ins Verhältnis gesetzt, sondern „moralisch aufgeladen“ worden (ab 1:37:07). Die Gefahr sei „politisch und medial generalisiert“ worden. Der Soziologe verweist auf den Altersgradienten des Sterbegeschehens im Frühjahr 2020. (ab 2:06:15) Selbst bei 50-Jährigen sei es „weitaus wahrscheinlicher“ gewesen, „im Straßenverkehr tödlich zu verunglücken“ als am Corona-Virus zu versterben. Es sei „wissenschaftlich rätselhaft“, warum es im „Beratungsprozess der politischen Entscheider“ eine „so selektive Auswahl“ von Wissenschaftlern gegeben habe (ab 2:07:27).

Ralph Möhler, stellvertretender Vorsitzender des Netzwerks Evidenzbasierter Medizin, sprach sich mit Blick auf die Politikberatung dafür aus, dass verschiedene Fachdisziplinen „ernsthaft einbezogen werden“ (ab 1:07:54). Auch Bürger sollten gehört werden. Die Auswahl der Experten in den Beratungsgremien sollte transparent sein und „kontroverse Positionen“ zwischen verschiedenen Personen und Fachdisziplinen deutlich gemacht werden. Kontroversen seien keine „Schwäche“ der Wissenschaft, sondern eine „Stärke“.

Das Netzwerk Evidenzbasierter Medizin veröffentlichte im August 2020 eine Stellungnahme, in der es hieß, es sei „nicht auszuschließen, dass die trotz weitgehend fehlender Evidenz ergriffenen Maßnahmen inzwischen größeren Schaden anrichten könnten als das Virus selbst“. Der Virologe Christian Drosten kritisierte die Stellungnahme im September 2020 als „polemisch und emotional, sicherlich nicht evidenzbasiert“. Drosten ist derzeit erster Vizepräsident der Gesellschaft für Virologie.

Dem Abgeordneten Christian Dorst (BSW) zufolge lehnte die Gesellschaft für Virologie eine Teilnahme an der Sitzung der Enquete-Kommission ab. Die Fachgesellschaft habe die Absage damit begründet „dass in der Kommission wissenschaftlich fundierte Positionen neben aus ihrer Sicht nicht ausreichend belegten Positionen stünden“. Daraus könne der „Eindruck einer fachwissenschaftlichen Kontroverse“ entstehen. Die Gesellschaft für Virologie hatte im vergangenen Jahr „einige wissenschaftlich unzutreffende, irreführende oder bereits widerlegte Darstellungen“ in der Enquete-Kommission kritisiert.

Dorst zeigte sich von der Absage „irritiert“. Die Gesellschaft hätte die Gelegenheit gehabt, ihre Kritik „im direkten Austausch zu begründen“ und „sich kritischen Nachfragen zu stellen“. Wer wissenschaftlichen Diskurs einfordere, müsse „auch Widerspruch aushalten“. Wissenschaft lebe von „Argumenten, Daten, Transparenz und der Bereitschaft, die eigene Position überprüfen zu lassen“, sagte Dorst. Auch Kraemer betonte, er „bedauere“ die Abwesenheit von Vertretern der Gesellschaft (2:08:30). Der Mediziner und Virologe Detlev Krüger, der als Sachverständiger an der Kommission teilnahm, äußerte sich als Gründungsmitglied und langjähriger Vorstand der Gesellschaft für Virologie. Das Agieren der Gesellschaft in den vergangenen Jahren und auch gegenüber der Enquete-Kommission mache ihn „sehr, auch persönlich, betroffen“ (ab 5:47:46). Ebenso „betroffen“ mache ihn der „Stil“ der Absage: Es sei „nicht akzeptabel“, dass die Kommission „quasi beleidigt“ und angegriffen werde. Eine Bitte um Stellungnahme gegenüber Multipolar ließ die Gesellschaft für Virologie bis Redaktionsschluss unbeantwortet.